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Predigt Reminiscere, 16. 3.2025, Gruiten; Text: Joh 3,14-21, Predigt von Pastor Kurt Erlemann,


„14 Mose hat in der Wüste die eherne Schlange oben an einem Pfahl aufgehängt. So muss auch der Menschensohn oben an einem Pfahl aufgehängt werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, für immer lebt. 16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er den Menschen seinen einzigen Sohn geschenkt hat, damit jeder, der an ihn glaubt, für immer lebt und nicht verlorengeht. 17 Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht an ihn glauben und sich nicht zum Namen von Gottes einzigem Sohn bekennen will, der ist schon verurteilt. 19 Das entscheidet sich so: Als das Licht in die Welt kam, liebten die Menschen, deren Werke böse waren, die Finsternis mehr als das Licht. 20 Denn wer Böses tut, hasst das Licht und meidet es, damit seine Taten nicht ans Licht kommen. 21 Wer aber tut, was Gott gemäß ist, stellt sich ins Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten nach Gottes Willen waren.“


Liebe Gemeinde, 


was ist der Unterschied zwischen Donald Trump und dem lieben Gott? Nun, aus der Sicht von Donald Trump gibt es da vielleicht gar keinen oder nur einen kleinen, geringfügigen. Aus anderer Sicht schon eher: Denn während Donald Trumps Parole lauten „America first“ bzw. „Make America great again“ (Amerika zuerst bzw. Mache Amerika wieder großartig), lautet die Parole Gottes: „Menschen first” (zuerst die Menschen) bzw. „Make humankind, humanity great again“ („Mache die Menschen, die Menschlichkeit wieder großartig“). Donald Trump, aber auch Wladimir Putin und andere Autokraten betrachten die Welt argwöhnisch, sie halten andere Staaten und ihre Bewohner grundsätzlich für schlecht, dumm und für eine Bedrohung. Und so schotten sie sich ab oder zwingen der Welt ihre hausgemachten Spielregeln auf. Wer sich wehrt, sich nicht unterwirft oder meckert, muss mit Sanktionen, Strafzöllen oder Schlimmerem rechnen. 


Bei Gott ist das anders: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt“, heißt es in unserem Predigttext. Und das, obwohl er seine liebe Not mit der Welt und mit den Menschen darin hat. Die Welt macht sich ihre eigenen Gesetze, an Gott vorbei, die Menschen verfolgen ihre eigenen Pläne, in denen Gott gar nicht vorkommt. Trotzdem verhängt Gott keine Sanktionen, er mobilisiert auch keine himmlischen Heerscharen, um zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Im Gegensatz zu den Autokraten dieser Welt sucht Gott keine Lösung der Probleme gegen die Welt, gegen die Menschen, sondern mit ihnen zusammen.


Die Welt und wir Menschen sind Gottes Schöpfung, wir sind seine Ebenbilder, wie es heißt. Und Gott hegt und pflegt seine Schöpfung; er will sie nicht unterwerfen oder gar zerstören, er will sie auch nicht ausbeuten und vermarkten. Gott liebt sie vielmehr, er will, dass es dieser Welt und uns Menschen gut geht. Bei den Trumps dieser Welt ist es anders: Die Welt ist nicht ihre Schöpfung, auch wenn sie sich wie Gott gebärden und sich dementsprechend in Szene setzen. Die Welt und die Menschen sind ihnen letztlich egal. Sie taxieren alles und jeden nach seinem Marktwert – wo etwa die Ukraine nach dem Wert ihrer seltenen Erden oder Grönland nach dem Wert seiner Erdgasvorkommen. Was keinen Marktwert hat, ist den Trumps egal, da investieren sie nichts – im Gegenteil: Sie stoßen es ab wie Firmenanteile, die keine Dividende mehr bringen. 


Anders bei Gott: Er investiert ohne Ende in eine Welt und in Kreaturen, die, rein marktwirtschaftlich gesehen, ein Verlustgeschäft sind – undankbar, sündig, ohne Perspektive, verloren. Jeder normale Firmenboss hätte diesen Laden längst abgewickelt und die Mitarbeiter auf die Straße gesetzt, so wie es Elon Musk gerade im großen Stil praktiziert. Ein marodes Haus zu sanieren, lohnt sich ja schließlich auch nicht. Also: abreißen und neu bauen! Das hat Gott ja auch schonmal gemacht, glauben wir der Sintfluterzählung. Aber gleich danach hat er sich und den Menschen geschworen, das nicht noch einmal zu machen. Die Welt hat sich seither freilich nicht geändert, bei uns Menschen menschelt es munter immer weiter. Doch Gott wickelt die Schöpfungsfirma nicht ab, sondern er geht daran, das marode Haus zu sanieren, die Welt und die Menschen auf neue Füße zu stellen. Er schenkt dieser Welt und uns Menschen immer wieder eine neue Chance; er glaubt an unsere Zukunftsfähigkeit, trotz allem Versagen. Auch das unterscheidet Gott von den Wirtschaftsbossen und Machthabern dieser Welt.

 

Und deshalb sandte Gott seinen geliebten in die Welt. Er schickte ihn in die Welt mit vollem Risiko, dass sein Sanierungsplan scheitern könnte. „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er den Menschen seinen einzigen Sohn geschenkt hat, damit jeder, der an ihn glaubt, für immer lebt und nicht verlorengeht.“ Die Parole Gottes lautet eben nicht „God first“ (Gott zuerst), es gibt bei ihm nicht Postengeschachere im Familienclan, er baut nicht seinen Sohn zum nächsten Firmenchef auf, sondern er investiert ihn für sein Lieblingsunternehmen Schöpfung und für den angeblich hoffnungslosen Fall Mensch. Sein Gedanke dabei: Mögen alle, die in meinem Sohn das ultimative Angebot entdecken, gerettet werden und das ewige Leben erhalten! Denn „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er sie verurteilt, sondern damit sie durch ihn gerettet wird.“ So heißt es im Predigttext weiter. 


„Welt first / Menschen first“ – die Welt und die Menschen haben bei Gott die oberste Priorität, insbesondere die längst Abgeschriebenen, verloren Geglaubten – Sünder, Zöllner, Prostituierte, Behinderte, Bettler usw. Ein wahrhaft inklusiver Ansatz – niemand wird von diesem Gott verloren gegeben; jede und jeder erhält seine bzw. ihre Chance auf ein volles Leben. Und so umgibt sich Jesus vorzugsweise mit genau diesen Menschen, wendet sich ihnen zu, hört sich ihre Stories an, richtet sie auf, heilt sie, vergibt ihnen ihre Altlasten. Und die Menschen lieben ihn dafür, glauben, dass er der Hoffnungsträger, der Erlöser ist. Das ist er ja auch für sie, und zwar sehr real. Wer hätte das gedacht, dass selbst die Verlorensten unter den Menschen bei ihm eine Chance haben – diejenigen, die keiner auf dem Schirm hat, mit denen niemand Umgang pflegt, über die sich alle mokieren, weil sie der Allgemeinheit auf der Tasche liegen und keine Leistung bringen wollen (oder können?), die keinen Marktwert besitzen, weder für Politiker noch für Werbung, Wirtschaft und die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Selbst die haben bei Gott und seinem Sohn eine Chance, eine Zukunft.


Gott, Jesus, geht also an die Ränder und zeigt, was möglich ist bei den verloren Geglaubten, den Gesichtslosen, deren Story sonst niemand interessiert. Gott, Jesus führt sie zusammen aus allen Himmelsrichtungen, er zieht sie raus aus ihren Ghettos, aus ihren Sozialwohnungen und Flüchtlingsheimen und baut auf und mit ihnen seine Kirche auf.


Und was ist mit den Anderen? werden Sie fragen, und das zu Recht: Jesus weiß, dass er nicht die ganze Welt retten kann; längst nicht alle fühlen sich von seiner Botschaft angesprochen, längst nicht alle haben so einen Leidensdruck, dass sie ihr Leben umkrempeln wollen – einfach so, von einem eher suspekten Galiläer aus Nazareth. Und was ist nun mit denen allen? Haben die nicht die Gesellschaft und die Wirtschaft am Laufen gehalten? Haben die nicht die Religion und die Moral hochgehalten, so gut sie konnten? Was ist mit denen allen? 

Nin, bei dieser Frage ist der Johannes-Evangelist erschreckend kompromisslos: Wer meint, er oder sie brauche keine frohe Botschaft, keine Erlösung, wer nicht verstehen kann, dass Jesus mit seiner Botschaft alle Menschen erreichen will, der bleibt eben draußen. Ein Kollege hat das vor Kurzem einmal so formuliert: „Mir sind alle willkommen, auch die, die nicht kommen.“ Oder, anders gesagt: „Wer nicht will, der lässt es eben, der hat schon gehabt.“


Liebe Gemeinde, am göttlichen Sanierungsplan Jesu schieden und scheiden sich die Geister. Jesus polarisierte und provozierte. Er versuchte zu integrieren, zusammenzuführen, was vielen nicht gefiel. Genau das ist für den Johannes-Evangelisten das eigentliche Weltgericht (gr. krísis), die Krise der Welt, der Punkt der finalen Unterscheidung und Entscheidung. Hier, in der Haltung zum großen Lebensangebot Gottes, trennt sich die Spreu vom Weizen, hier scheiden sich, apokalyptisch gesprochen, Licht und Finsternis. Jede und jeder von uns hat die Wahl – entweder mit Jesus und seinen verloren Geglaubten oder gegen ihn. Entweder Freude über das tolle Lebensangebot oder kein Interesse. 


Wer kein Interesse hat, wird allerdings nicht genötigt, gezwungen, erpresst oder sonstwie unter Druck gesetzt. Das ist nicht Gottes Weg. Er braucht keine Sanktionen, Strafzölle oder militärische Präsenz. Gott liebt seine Welt, er liebt uns Menschen. Und deshalb lädt er uns ein – immer wieder – an seine Liebe zu glauben, Zuversicht zu entwickeln, sich von der Vision einer lebenswerten Welt begeistern zu lassen. „Geht nicht, gibt´s nicht“ bei Gott; selbst die Verlorensten haben eine Chance auf neues Leben, selbst die Traurigsten werden sich wieder freuen, selbst die moralisch Fragwürdigsten dürfen neu anfangen – weil sie alle Gottes geliebte Ebenbilder sind. Vielleicht ja sogar die Trumps und Putins dieser Welt, wer weiß das schon so genau …


Und als Zeichen seiner immensen Liebe hat Gott das Wertvollste investiert, was er hatte: seinen Sohn, eigentlich ja sich selbst. Für diese Liebe ist Jesus ans Kreuz gegangen, auf dass, wer auf ihn schaut, darin die Liebe Gottes entdeckt und gerettet wird. Wie die Israeliten, die in der Wüste auf die eherne Schlange schauten, gerettet wurden. Was für eine Liebe, was für ein Plan, welch ein Glück für diese Welt und für alle, die das erkennen. Auf dieses Glück, auf die Parole Gottes „Make humankind, make humanity great again (Mache die Menschheit bzw. die Menschlichkeit wieder groß)“ dürfen wir als seine Gemeinde antworten „Make God great again“ – macht Gott wieder groß in dieser gottvergessenen Welt.


Amen.


Predigt Estomihi, 2. 3.2025, Schöller; Text: Lk 10,38-42, Predigt von Pastor Kurt Erlemann,


38 Auf seinem Reiseweg gelangte Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen in ein Dorf. Dort bot ihnen eine Frau namens Martha Quartier in ihrem Haus an. 39 Sie hatte eine Schwester namens Maria, die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte ihm zu. 40 Martha machte sich große Mühe mit der Versorgung der Gäste, und so beklagte sie sich bei Jesus: „Herr, findest du es nicht merkwürdig, dass meine Schwester die ganze Versorgung der Gäste mir überlässt? Sag du ihr doch, dass sie mit anfassen soll.“ 41 Der Herr entgegnete ihr: „Martha, ich will gerne anerkennen, dass du vor lauter Machen und Tun nicht weißt, wo dir der Kopf steht. 42 Doch wirklich nötig ist nur eins. Maria hat sich für das Bessere entschieden. Niemand wird es ihr nehmen können.“


Liebe Gemeinde, 


ein wunderbarer Text, eine wunderbare Szene, bei der sich eine feministische Auslegung förmlich aufdrängt: Eine Predigt über die Rolle der Frau, über Klischees, die der Text transportiert. Doch ich werde dieser Versuchung nicht erliegen. Denn es geht hier nicht um das Gender-Verhältnis von Mann und Frau, sondern um das Verhältnis zweier ungleicher Schwestern zueinander und um die spannende Frage, was wann dran ist im Leben. 


Im Mittelpunkt der kleinen Episode stehen die Schwestern Maria und Martha; aus dem Johannesevangelium wissen wir, dass sie in Betanien lebten und noch einem Bruder namens Lazarus hatten. Er wird hier nicht erwähnt, und das lenkt unseren Blick ganz auf die beiden Schwestern. Maria und Martha erinnern mich, ehrlich gesagt, an so viele Familien mit zwei Kindern: Die Geschwister tragen zwar dieselben Gene in sich, aber könnten unterschiedlicher nicht sein. Jeder jeck is eben anders. Ein Grund dafür ist, dass sich jedes Kind seine eigene Sozionische sucht: Ist das eine Kind brav und vorbildlich, ist das andere rebellisch. Ist das eine mehr lebenslustig, ist das andere mehr introvertiert. Ist das eine jeck an Karneval, flüchtet das andere vor dem jecken Rummel, und so weiter…. Das muss nicht immer so sein, aber das ist oft so.


Bei Maria und Martha ist es ähnlich: Die beiden passen wunderbar zusammen in ihrer WG, sie ergänzen sich, weil sie so unterschiedlich sind. Ihre Rollen im gemeinsamen Haushalt scheinen festgetackert – Martha fühlt sich für den Haushalt verantwortlich, Maria setzt andere Prioritäten. Das führt, wie in vielen Zweierbeziehungen, mitunter zu Konflikten – vor allem, wenn die gegenseitige Wertschätzung fehlt. Die Eine fühlt sich ausgenutzt, die Andere hat wenig Verständnis für den zwanghaft erscheinenden Ordnungstrieb ihrer Schwester. Vermutlich hätte Maria bei ihrer perfekten Schwester auch gar keine Chance im Haushalt. Währenddessen leidet Martha still darunter, dass alles an ihr hängenbleibt und sie keinen Spaß im Leben hat. Aber so passt der Deckel zum Topf, was eine Beziehung über lange Zeit festigen kann – nicht ideal, aber sehr stabil….


So scheint es jedenfalls, als Jesus eines Tages mit seinen Jüngerinnen und Jüngern ins Dorf kommt. Martha sprudelt über vor Gastfreundschaft, lädt alle ins Haus ein, versucht in aller Eile alles zu organisieren, damit sich die Gäste wohlfühlen. Ich sehe Martha förmlich vor mir, wie sie noch eben ganz dezent Ordnung schafft und sich dann in die Küche stürzt, um etwas Essbares auf den Tisch zu bekommen. Maria hingegen nimmt es cool und lässt Haushalt Haushalt sein. Sie setzt sich mit den Gästen aufs Sofa und lauscht andächtig Jesu Worten. Es kommt ihr überhaupt nicht in den Sinn, die Welle zu machen, so konzentriert ist sie auf das, was Jesus zu sagen hat. 

Das wiederum fuchst Martha, die mit ihren Vorbereitungen nicht hinterherkommt. Irgendwo ist sie vielleicht auch eifersüchtig aus Maria, die sich Freiheiten herausnimmt, von der sie gar nicht zu träumen wagt. So grätscht sie in das Gespräch und bittet Jesus, Maria mal dezent auf ihre Pflichten hinzuweisen. Jesus soll es richten; sie selbst kriegt es wie immer nicht hin.


Die Antwort Jesu wird ihr nicht gefallen haben: Jesus findet zwar wertschätzende Worte für Martha und ihre Arbeit, aber er lässt sich von ihr nicht vor den Karren spannen – im Gegenteil: Er übt sachte, aber deutliche Kritik an Marthas Beflissenheit. Sein Argument: Sie erkennt die Zeichen der Zeit nicht, sie merkt nicht, was gerade dran ist im Leben. Alles hat seine Zeit – Haushalt hat seine Zeit, Kochen hat seine Zeit, aber jetzt ist die Zeit des Zuhörens, jetzt ist die Chance, das Leben umzukrempeln. Dass Jesus die Einladung Marthas überhaupt angenommen hat, ist eine Geste besonderer Verbundenheit, eine einmalige Chance – nicht so wie angeblich einmalige Chancen bei der Schnäppchenjagd im Internet, sondern wirklich einmalig; Jesus hat eine einmalige Botschaft im Gepäck, für die es sich lohnt, alles stehen und liegen zu lassen, für die es sich lohnt, „einfach mal" hinzusitzen und zuzuhören. 


Das ist natürlich was für Martha – eine herbe Zumutung! Jesus stößt sie mit der Nase auf ihr Problem, auf das Starre, Zwanghafte in ihrem Leben, das am Ende doch keinen Bestand haben wird. Jesus spricht freundlich, aber klar, er möchte sie dazu befreien, spontan Löffel und Schürze fallenzulassen und stattdessen ihre anderen Löffel zu spitzen und zuzuhören. Denn was Jesus zu sagen hat, das ist eine bleibende Bereicherung, die niemand wegnehmen kann. 


Nicht wahr, liebe Gemeinde, es gibt hin und wieder solche Momente im Leben, wo wir instinktiv spüren, dass wir die Chance beim Schopf packen müssen, wo es das Leben einmalig gut mit uns meint. Es braucht nur diesen Instinkt und dazu den Mut, das eine Mal aus der Routine auszubrechen, um sich von etwas Neuem inspirieren zu lassen. Dann wird vieles von dem, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein. Dann gewinnt unser Leben über Nacht einen neuen Sinn, eine neue Qualität. Solche Entdeckungen und Erfahrungen prägen dann unser ganzes weiteres Leben. 


In Seelsorgegesprächen spielen solche Glücksmomente, solche befreienden Wendungen eine ganz wichtige Rolle. Die erste und entscheidende Begegnung mit der großen Liebe – völlig unerwartet, eine spontane Kehrtwendung wert, um das Glück einzufangen. Oder da war jemand zur rechten Zeit am rechten Ort und ergatterte den Job fürs Leben. In unserer kleinen Episode hat Maria jenen richtigen Riecher, jenen Instinkt – der verehrte Promi im eigenen Haus – welch eine Glücksstunde, was für ein Geschenk! Da wird ihr alles andere unwichtig. Mit ihrem Naturell tut sie sich natürlich leichter als ihre Schwester, die in der Alltagsroutine festhängt. 


Liebe Gemeinde, Maria ist glücklich zu schätzen, aber auch Martha erhält ihre große Chance, freizukommen und ihr Leben neu zu gestalten. Dank der frohen Botschaft Jesu vom guten, erfüllten Leben, das keine Zwänge kennt, nur gute Gemeinschaft, das uns frische Luft zum Atmen gibt und uns einen Sinn verleiht, den wir uns selbst gar nicht geben können – auch nicht durch noch so viel Fleiß! Der Predigttext lädt uns ein, neue Entdeckungen im Leben zu machen – wohltuende Begegnungen, die unser Leben bereichern. Inspirierende Botschaften, die uns zeigen, was der tiefere Sinn im Leben ist. Es braucht nur etwas Spontaneität und Mut, Altes loszulassen, das Korsett, das uns Sicherheit vorgaukelt, abzustreifen und die Chancen zu ergreifen, die uns das Leben schenkt. Genauso ist es mit der frohen Botschaft unseres Glaubens: Wenn wir sie in unser Herz lassen, wird sie uns dauerhaft verändern. Dann sind wir bereit für das Leben in Fülle, das Gott uns schenken will.  


Amen.


Ansprache zur "Jecken Andacht" am 28.2.2025 mit Pastor Kurt Erlemann,


Ihr lieben Jecken und weniger-Jecken alle,


wie kommt der Pastor von Gruiten und Schöller dazu, zu einer jecken Andacht ins Café Supernah einzuladen? Und überhaupt, was hat die Kirche mit Karneval zu tun? Wären wir in Köln und „kölsch katholisch“, wäre die Frage wahrscheinlich schnell beantwortet. Überhaupt haben die Katholiken traditionellerweise einen engeren Bezug zu Karneval oder Fasching, Fasnacht, wie es im katholischen Süden der Republik heißt. Auch sind die Katholischen, zumal die kölschen, Meister darin, sich karnevalistisch lustig zu machen über Schein und Sein in der Kirche. Ein paar Kostproben gefällig? 


- Eine Nonne schiebt im Kreuzgang des Klosters einen Kinderwagen. Der Bischof, der gerade bei der Äbtissin zu Besuch ist, sieht das und fragt süffisant: „Klostergeheimnis?“ Darauf die Äbtissin: „Nein, Kardinalfehler!“ 


- Im katholischen Religionsunterricht erklärt die Lehrerin seine Heiligkeit, den Papst. Fragt Fritzchen: „Wenn der Papst so heilig ist, muss er dann überhaupt noch pinkeln?“ Daraufhin die Lehrerin etwas verlegen: „Ja, aber nur ganz selten“. 


- Kennen Sie die Definition eines Prälaten? Ein Prälat ist der auf die Spitze getriebene Versuch Gottes, die Reißfestigkeit menschlicher Haut zu testen.


- Der kleine Fritz geht mit seiner Oma das erste Mal in die Sonntagsmesse. Es dauert und dauert. Fritzchen ist es fürchterlich langweilig. Irgendwann sagt Fritz zur Oma: „Woll, Oma, wenn da vorne das Licht von rot auf grün springt, dürfen wir nach Hause“


Dass über solch heilige bzw. scheinheilige Institutionen und Personen gelacht werden darf, setzt freilich voraus, dass man die Kirche und vor allem sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Aber genau da wird es für fromme Reformierte schwierig: Der Glaube ist eine überaus ernste Angelegenheit; das Zorngericht Gottes verträgt keinen Spaß, viele Vertreterinnen und Vertreter meiner Zunft auch nicht. Und im Gottesdienst geht es bekanntlich nur um das Wort; Lachen, Applaus oder sogar Witzemachen gelten weithin als ungehörig, der Sache Gottes nicht angemessen. Als ich einmal in einer Nachbargemeinde während der Passionszeit zu predigen hatte, brachte ich die Anwesenden, vor allem die Konfirmanden, zum Lachen. Hinterher bedankten sich die Konfirmanden überschwänglich; die Presbyter nahmen mich beiseite und sagten mir, Witze Machen sei in der Passionszeit ein No-Go…


Aber, liebe Jeckinnen und Jecken, liebe Menschen alle hier im Café Supernah, warum sich denn das Leben so schwer machen und den Mitmenschen gleich mit? Wer von uns hat schon die Wahrheit gepachtet? Wer ist ohne Fehler? Oder, anders gesagt: Sind wir nicht alle ein bisschen jeck hin und wieder? „Jet jeck simmer all“ sagt der kölsche Volksmund, und Recht hat er! Überhaupt ist „jeck“ ein toller kölscher Ausdruck. Er meint so viel wie ein bisschen verrückt, im harmlosen Sinn. Und wer sich selbst als jeck bezeichnet (etwa als fußballjeck, was gerade in Köln eine hohe Leidensbereitschaft voraussetzt), der schmunzelt dabei über sich selbst, nimmt sich nicht so bierernst. Wer jeck ist, dem macht es Freude, die Welt und sich selbst bisweilen auf den Kopf zu stellen und mit Humor zu betrachten. Und dem macht es Spaß, über andere, sich selbst und unveränderlich scheinende Institutionen wie Kirche und Politik hin und wieder herzhaft zu lachen. Denn das Lachen ist eine gute Gabe Gottes – es macht das Leben erträglicher, es ist ein perfektes Ventil, um mit alledem klarzukommen, worüber wir eigentlich verzweifeln müssten. 


Vor allem aber, liebe jecke Mitchristierenden, ist eine Prise jecken Humors die Grundlage für Toleranz. „Jeder Jeck ist anders“, heißt es, und das ist eine tiefe, wohltuende Einsicht: Nicht jeder ist wie ich und muss es auch nicht sein! Daraus folgt als Lebensmotto: Leben und leben lassen, auf Kölsch: „Jeck, loss Jeck elans und dun laache, wenn du kanns!“ Überhaupt ist das Leben viel zu kostbar und zu kurz, um sich über sich selbst oder andere aufzuregen. Da hilft vielleicht der Spruch: „Ich kann mich über vieles ärgern, ich muss es aber nicht!“ Und es tut gut, dass andere anders sind als ich – denn das hält mir den Spiegel vor, dass ich selbst ziemlich unzulänglich bin in meiner Weisheit. Wenn wir die klugen Gedanken und Erfahrungen der Anderen gelten lassen können, wird uns das bereichern – genauso, wie wir mit unseren Ideen die Anderen bereichern können. Ich sage mir: Ich bin nicht der Nabel der Welt, ich habe nicht die Wahrheit mit Löffeln gefressen wie die Trumps, Musks, Putins etc. dieser Welt. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ wusste bereits der alte Sokrates, und das ruft uns zur Bescheidenheit und zur Demut auf. Das ruft uns dazu auf, uns selbst nicht allzu ernst zu nehmen, sondern uns so zu akzeptieren, wie wir sind, mit allen Fehlern und Macken. Der liebe Gott hält es mit uns genauso, sonst hätte er uns nicht so geschaffen! Daher dürfen, ja sollten wir hin und wieder über uns selbst lachen und das Leben mit den anderen Jecken genießen. Genau das machen wir ja hier und heute im


Café Supernah –  Halleluja – helau!


Predigt Sexagesimae, 23. 1.2025, Gruiten; Text: Apg 16,9-15 - Predigt von Pastor Kurt Erlemann


Liebe Gemeinde, 


im heutigen Predigttext geht es um eine Vision, um eine fromme Beachparty in Griechenland, um Schnecken, die stinkend reich machen können, und um eine selbständige Unternehmerin, was für damalige Verhältnisse sehr außergewöhnlich war. Ich lese Apg 16,9-15:

9 Nachts hatte Paulus eine Vision. Er sah einen Makedonier vor sich stehen, der ihn bat: 10 „Komm herüber nach Makedonien, hilf uns!“ Kaum hatte Paulus die Vision geschaut, da machten wir uns auf den Weg nach Makedonien. Denn wir waren sicher, dass Gott uns berufen hatte, den Makedoniern das Evangelium zu bringen. 11 Wir segelten von Troas ab und liefen Samothrake an, am folgenden Tag dann Neapolis. 12 Von dort fuhren wir nach Philippi, das eine römische Siedlung und die wichtigste Stadt Makedoniens war. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf. 13 Am Sabbat begaben wir uns an die Stelle am Fluss vor dem Stadttor, von der wir annahmen, dass es ein Betplatz der Juden war. Hier ließen wir uns nieder und knüpften ein Gespräch mit den Frauen an, die dort zusammengekommen waren. 14 Unter ihnen war eine Purpurhändlerin aus Thyatira namens Lydia, die dem Judentum nahestand. Gott schloss ihr das Herz auf, so dass sie die Predigt des Paulus annehmen konnte. 15 Als auch ihre ganze Familie getauft war, bat sie Paulus und uns, seine Gefährten: „Wenn ihr euch davon überzeugt habt, dass ich treu zum Herrn stehe, dann kommt doch in mein Haus und nehmt dort Quartier.“ Sie ließ nicht locker, bis wir die Einladung annahmen. 


Liebe Gemeinde,


was ist Purpur? Ich hab´s einmal gegoogelt, mit erstaunlichen Ergebnissen, die etwas Licht in diesen ominösen Predigttext bringen können. Hier geht es nämlich nicht um ein romantisches Rendezvous mit einer femme fatale, sondern um ein kleines Wirtschaftswunder. Purpur – englisch purple, wie bei Deep Purple, was den Älteren unter Ihnen wahrscheinlich noch etwas sagt. Oder, für die etwas Jüngeren: wie bei Purple Rain von Prince. Purpur ist ein Farbton, angesiedelt im dunkelvioletten Spektrum. Der Farbstoff ist schon seit fast 4000 Jahren bekannt, und er war immer schon wahnsinnig teuer, weil die Gewinnung und Herstellung so aufwändig waren. Gewonnen wurde Purpur nämlich von der mediterranen Purpurschnecke, lateinisch Bolinus brandaris oder Hexaplex trunculus, einer Unterart der Stachelschnecken. Die sondert auf Beutefang ein ekelerregendes, stark und lang anhaltend stinkendes Sekret ab, das unter Sonnenlicht und Sauerstoffzufuhr jene dunkelviolette Farbe annimmt, die wir Purpur nennen. Da aber die possierlichen Stachelschneckchen jenes Sekret nur im Milligrammbereich produzieren, so ein Purpurmantel aber locker 1 Kilogramm gefärbte Wolle benötigt, brauchte es ca. 10.000 Schneckchen für einen anständigen Purpurmantel. Riesig aufwändig also. Und es war nötig, zur Gewinnung und Verarbeitung des Farbstoffs regelrechte Purpurschneckenfarmen hochzuziehen, wo die stacheligen Schnecken in Reusen gefangen und gemolken wurden. Die Herstellung des begehrten Farbstoffs war dann mindestens nochmal so aufwändig, wie antike Quellen bezeugen.


Wer so viel Zeit und Arbeit investierte, konnte mit Purpur natürlich eine Menge Geld verdienen – wie jene Purpurhändlerin Lydia aus Thyatira. Die war wortwörtlich stinkreich und als Frau eine Ausnahmeerscheinung in der männerdominierten Wirtschaftswelt des Römischen Reiches. Und genau diese Frau steht im Fokus unseres Predigttextes. Erst werden Paulus und seine Begleiter durch eine nächtliche Vision nach Europa gelotst, kommen nach Philippi, einer römischen Pensionärssiedlung, und begeben sich dort am Sabbat an einen Fluss, wo regelmäßig Frauen zum Open-Air-Tratsch und zum Gebet zusammenkommen. Auch das ist erstaunlich – Frauen jedwelcher Position sind anscheinen für Paulus eine erfolgversprechende Zielgruppe für seine Missionsarbeit. Vielleicht liegt es daran, dass Frauen ja bis heute leichter auf Religion anzusprechen sind als Männer. Von Lydia, die ebenfalls am Fluss sitzt, heißt es jedenfalls, dass Gott ihr das Herz aufschließt, so dass sie über die Predigt des Paulus zum Glauben kommt. Nicht nur das: Die taffe Unternehmerin lässt sich samt ihrer Entourage im Fluss taufen und nötigt anschließend Paulus und sein Team, in ihrer Villa zu nächtigen. 


Was für eine Story, mit welch sonderbaren oder auch wunderbaren Wendungen! Von Kleinasien in Lydias Gästezimmer – einen besseren Auftakt zur Christianisierung Europas hätten sich Paulus und sein Team nicht vorstellen können! Wer hinter diesem Erfolg steckt, sagt der Text ganz klar: Gott und der Heilige Geist persönlich – der eine sorgt für die entscheidende Vision, der andere für den Glauben. Die Völkermission des Paulus geht mitunter sonderbare Wege; sie wird von Gott bzw. dem Heiligen Geist von langer Hand geplant und gesteuert. Ein anonymer Mann als Lockvogel und eine begüterte Frau als erstes Ziel des Unternehmens – das sprengt schonmal gesellschaftliche Gepflogenheiten, wo der Umgang von Männern mit fremden Frauen als anstößig und suspekt galt – wie neuerdings übrigens auch wieder …


Schauen wir uns Lydia und ihre Profession etwas genauer an, machen wir noch eine erstaunliche Entdeckung: Lydia war reich, ja stinkreich; zumindest legt das der stinkende Ausgangsstoff ihres Reichtums aus den Purpurschneckchen nahe. Nicht irgendwelche blinden oder lahmen Bettler, keine Sünder und Zöllner wie bei Jesus so oft, sondern eine Frau mit Einfluss bis hin zum kaiserlichen Hof. Denn vor allem dort und im römischen Senat saßen die Hauptabnehmer des sündhaft teuren Farbstoffs. Die Senatoren trugen purpurne Tuniken, der Kaiser sowieso, dazu auch die obersten Priester in den Staatstempeln. Nur die konnten sich so teure Kleidung leisten, und für sie war Purpur ein Statussymbol. Bis heute übrigens ist Purpur bei römischen Kardinälen Standard; manches Statusdenken überdauert eben die Zeit…


Kein Zweifel also: Eine Frau mit solch einem Einfluss für den christlichen Glauben zu gewinnen, war ein missionsstrategischer Volltreffer. Die Hoflieferantin für Purpur – eine Christin? Das dürfte die Damen am kaiserlichen Hof neugierig gemacht und ihr Interesse für den christlichen Glauben geweckt haben; der triumphale Siegeszug des christlichen Glaubens beginnt bei Madame Lydia, ja der Welterfolg der Kirche wird hier vorprogrammiert. 


Doch seit Lydia ist Purpur, dunkelviolett, nicht mehr nur die Statusfarbe der höchsten staatlichen und katholischen Würdenträger bis heute, sondern für uns Christinnen und Christen auch die Farbe der Demut und der Buße. Säßen wir demnächst in einer katholischen oder mehr lutherisch geprägten Kirche, könnten wir in der Passionszeit (wie auch im Advent) violette Paramente am Altar und von der Kanzel hängen sehen. Die Farbe signalisiert den Aufruf zur Umkehr angesichts des nahen Kommens Jesu Christi. Damit wird durch Lydia die Bedeutung von Purpur als Machtsymbol ins Gegenteil verkehrt. Statt Macht und Reichtum Buße und Demut. Das entspricht dem Weg Gottes, um das Böse in dieser Welt zu überwinden: „Wer unter euch der Erste sein will, sei euer aller Diener“ (Mk 9,35) oder: Jesus Christus hielt nicht krampfhaft an seinem göttlichen Chefsessel fest, sondern entäußerte sich, wurde Mensch, erniedrigte sich gehorsam bis zu seinem Tod am Kreuz, um dann umso herrlicher wieder aufzuerstehen und zur Rechten Gottes erhöht zu werden – ihm, dem eigentlichen Herrscher dieser Welt liegen dann alle irdischen Machthaber, alle Putins, Trumps, Musks und wie sie heißen, zu Füßen (Phil 2,6-11). Welch Ironie, dass Jesus vor seiner Kreuzigung auch noch ein purpurner Spottmantel umgelegt wird ….


Ich weiß nicht, ob den römischen Kardinälen diese tieferen religiösen Zusammenhänge klar sind. Egal – die Purpurhändlerin Lydia vollzieht genau diese Wendung. Ihr Einfluss bei den Oberen Zehntausend wird durch ihren neugewonnenen Glauben heilvoll umgedreht. Sie stellt sich in den Dienst der Apostel und des Evangeliums. Sie riskiert ihr Renommée und wird zum Symbol von Demut und Umkehrbereitschaft. Welch ein Wunder – so betrachtet! Keine oberflächliche love story am Fluss von Philippi, sondern eine tiefgründige Bekehrungsgeschichte mit enormer Langzeitwirkung. Der christliche Glaube fasst Fuß in der Gesellschaft und zeigt zugleich, wofür die angeblichen Machtsymbole eigentlich stehen, wozu Gott in der Lage ist: Er erhöht das Niedrige und er erniedrigt das Mächtige, um zu einer gerechten, von Demut und Liebe geprägten Welt zu kommen. Mehr noch: Er erniedrigt sich selbst und überwindet damit das Böse. 


Was für ein Signal, was für eine tiefe religiöse Wahrheit in dieser tollen Geschichte! Was kann man alles mit Geld anstellen, auch wenn es noch so stinkt. Nicht ist Geld an sich schlecht, sondern das, wofür es in der Regel eingesetzt wird. In der Hand von Lydia, der Purpurschneckenzüchterin von Thyatira, wird das Geld zu einem segensreichen Instrument des Glaubens. Was bei Menschen unmöglich scheint, ist wunderbarerweise passiert – Gott und dem Heiligen Geist sei´s gedankt! 


Amen. 


Predigt 3. So. nach Epiphanias, 26. 1.2025, Gruiten; Text: Joh 4,5-15 - Predigt von Pastor Kurt Erlemann, 26.1.2025


5 Dann kam er nach Sychar, einem samarischen Dorf, das nicht weit von dem Stück Land entfernt lag, das Jakob seinem Sohn Joseph vermacht hatte. 6 Dort war ein Brunnen, der Jakobsbrunnen, an den sich Jesus setzte, ermüdet von der langen Wanderung. Es war gegen 12 Uhr. 7 Da kam eine samarische Frau zum Wasserschöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Hast du auch etwas zu trinken für mich?“ 8 Seine Jünger waren ins Dorf gegangen, um etwas zu essen zu kaufen. 9 Die samarische Frau sagte: „Wie kannst du als Jude mich, die Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ (Die Juden halten sich nämlich von Samaritanern fern). 10 Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, was Gott gibt und wer ich bin, dann hättest du mich um lebendiges Wasser gebeten und ich hätte es dir gereicht.“ 11 Die Frau entgegnete: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher willst du das frische Wasser nehmen? 12 Kannst du etwa mehr als Jakob, unser Vater? Er hat uns nämlich den Brunnen geschenkt und selbst daraus getrunken, wie auch seine Kinder und seine Herde.“ 13 Jesus erwiderte: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird danach wieder Durst bekommen. 14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie wieder Durst haben. Vielmehr wird das Wasser , das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis ins ewige Leben sprudelt.“ 15 Da sagte die Frau: „Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“


Liebe Gemeinde,


die Frau am Brunnen kann einem leid tun. Wie ist denn dieser Fremde drauf? Verlangt erst nach was zu trinken aus dem Brunnen, und auf ihre berechtigte Nachfrage tut der Mann so, als ob er gar keinen Durst hätte. Er habe vielmehr ein viel besseres Wasser anzubieten, als es der altehrwürdige Jakobsbrunnen hergibt. Die Frau ist sichtlich irritiert, vielleicht sogar in ihrem Stolz gekränkt, weil da so ein dahergelaufener Fremder ihren Brunnen schlecht macht. „Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen geschenkt hat?“ lautet die sichtlich gereizte Frage der Frau. Die Antwort Jesu ist an Rätselhaftigkeit nicht zu überbieten; sein ursprünglicher Durst ist völlig in Vergessenheit geraten. Er preist sein Wässerchen an wie in einem Werbespot: „Ariel macht nicht nur oberflächlich sauber, sondern porentief rein!“ Sie erinnern sich? Werbespots wie dieser aus den 70er Jahren tragen immer dick auf, sind plakativ und leicht zu merken. Konkurrenzprodukte sind kaum der Rede wert – wozu auch? Also: Jesus preist sein eigenes Wasser als etwas ganz Besonderes an und macht tatsächlich der armen Frau den Mund damit wässrig. Sie denkt praktisch: „Herr, gib mir dieses Wunderwasser, dann kann ich mir in Zukunft das mühselige Wasserschöpfen sparen!“ Und nie mehr Durst haben zu müssen, ist in der wüstenähnlichen Region der heutigen Westbank schon eine prima Vision!


Aber was ist denn nun das Besondere am Wasser, das Jesus anpreist? Dass es kein normales Trinkwasser, H2O, ist, ist uns zwar längst klar, der Samaritanerin offensichtlich aber nicht. Jesus mutet ihr und uns zu, um die Ecke zu denken – nichts für schlichte Gemüter. Das tolle Wasser ist ein Bild, eine Metapher; das dämmert der Frau erst mit zeitlicher Verzögerung, nämlich dann, als sie bemerkt, dass Jesus ja gar keinen Wassereimer dabeihat. Wir hier und heute wissen es natürlich besser. Wir kennen die Story, wir wissen, dass Jesus manchmal in Bildern spricht und dass seine Gaben unser materielles Vorstellungsvermögen übersteigen.


Also: Das lebendige Wasser, von dem Jesus spricht, ist ein Bild, eine Metapher für etwas, was unendlich wertvoller ist als herkömmliches Krahnenwasser oder Haaner Felsenquelle. Es ist etwas, das in uns Menschen eine Eigendynamik entwickelt, zu einer Quelle wird, wie der Text sagt, deren Wasser direkt ins ewige Leben sprudelt. Wie wenn jemand ein Papierschiffchen hinter der Kirche in die Düssel setzt – das wird mit etwas Glück in Düsseldorf im Rhein landen. Nun ist die Düssel zwar ein ziemlich lebendiges Wasser, wie wir aus leidvoller Erfahrung wissen, aber der Rhein ist natürlich nicht das ewige Leben. Da hinkt der Vergleich, aber das ist nicht schlimm, denn eins wird klar: Wer Jesu lebendiges Wasser in sich aufnimmt, ist auf dem Weg zum ewigen Leben, zur Seligkeit!


Fragt sich nur, woran der Johannes-Evangelist denkt, wenn er Jesus so sprechen lässt. Ein Blick auf andere Bilder des Evangelisten bringt uns der Sache näher: Jesus wird auch als Brot des Lebens, Licht der Welt, guter Hirte, Tür zum Leben, Auferstehung und Leben, Weg, Wahrheit und Leben sowie als Weinstock, an dem wir Christinnen und Christinnen wie Trauben hängen, präsentiert. Bringt man diese Bilder auf einen gemeinsamen Nenner, wird deutlich: Jesus bietet sich selbst als das Leben in Fülle an und sorgt auch gleich für den nötigen Proviant für den Weg dorthin: Wasser und Brot, Licht, Orientierung und sein persönliches Geleit packt er in unseren Rucksack, damit wir am Ende die Wahrheit, die Auferstehung und das Leben in Fülle erreichen.


Liebe Gemeinde, so weit, so gut, oder? Aber was ist denn nun konkret mit dem Proviant auf unserem Weg zum guten, ewigen Leben gemeint? Normales Wasser und Brot ist es nicht, das haben wir herausgefunden, und das hat auch irgendwann die Frau am Brunnen kapiert. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ heißt es in 5 Mos 8,3, zitiert in Mt 4,4, und weiter: „sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ Aha – da wäre so ein Hinweis: Gottes Wort als Wegzehrung auf unserem Weg. Aber auch die Gaben des Leben schaffenden Geistes Gottes, wie Zuversicht, Hoffnung, Kraft, Liebe, Besonnenheit usw., die sind es. Mit solchem Proviant sind wir gut ausgestattet, damit unser Leben gelingt und es nicht im Nichts endet. Gottes Wort ist die frohe Botschaft Jesu, dass Gott für uns das Beste will, dass er für uns da ist wie fürsorgliche Eltern, dass er uns unsere Fehler nachsieht, dass er sich freut wie doll, wenn wir uns von ihm leiten lassen, ihm vertrauen. Die erwähnten Gaben des Geistes halten uns in der Spur. Sie sorgen dafür, dass unser Glaube nicht nachlässt, dass wir weiter mutig auf unserem Weg gehen und wir am Ende das gute Ziel erreichen.


Das alles ist in der heutigen Zeit alles andere als selbstverständlich, nicht wahr? So ziemlich alles scheint gegen diesen Glauben zu sprechen. Unser menschliches immer-mehr-haben-Wollen ist auch nicht gerade förderlich. Aber die Vision, von alledem frei zu werden durch die frohe Botschaft Jesu, kann uns ein immerwährender Ansporn sein, nach diesen zwar unsichtbaren, aber nachhaltigen Gütern zu streben. Genau das meint Jesus im Gespräch mit der Samaritanerin am Brunnen: Gebt euch nicht zufrieden mit dem, was uns die Welt zu bieten hat, was tagtäglich in der Werbung angepriesen wird. All das stillt vielleicht den momentanen Durst nach Komfort und Sicherheit, aber es ist nicht nachhaltig. Es bleibt im Momentanen hängen, es macht nicht dauerhaft glücklich. Strebt nach dem, was nachhaltig glücklich macht, was das Leben gelingen lässt und am Ende sogar den Tod überdauert. Lassen Sie uns miteinander zu einem Klima der Nächstenliebe, des Friedens, der Zuversicht und der Gerechtigkeit in dieser einen Welt beitragen. Dann sind wir schon auf dem Weg zum guten Leben in Fülle für alle. Das meinte Jesus mit seinem Bild vom lebendigen Wasser, und die Frau am Brunnen muss uns, so gesehen, überhaupt nicht leid tun, sondern wir dürfen sie glücklich schätzen. Denn sie war eine der Ersten, denen Jesus sein tolles Angebot gemacht hat, und sie hat es am Ende auch beherzt ergriffen. 


Amen. 


Predigt 2. So. nach Epiphanias, 19. 1.2025, Gruiten; Text: Röm 12,9-16 - Predigt von Pastor Kurt Erlemann am 19.1.2025


9 In der Liebe sollt ihr nicht falsches Spiel treiben. Wirklich verabscheuen sollt ihr die Heimtücke, auf reine Güte sollt ihr versessen sein. 10 Geschwisterliche Liebe untereinander übt mir Leidenschaft. Einer überbiete den anderen an Zuvorkommenheit. 11 Erlahmt nicht im Eifer, lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch glühen. Dient Gott dem Herrn wie Sklavinnen und Sklaven. 12 Blickt froh in die Zukunft, seid standhaft in der Bedrängnis und ausdauernd im Gebet. 13 Wenn auswärtige Mitchristen in Not sind, helft ihnen durch eure Gaben. Gastfreundschaft sei euer höchstes Ziel! 14 Werdet ihr verfolgt, segnet eure Verfolger, stets komme euch das Segnen leichter über die Lippen als das Verfluchen. 15 Freut euch mit denen, die sich freuen, und weint mit denen, die traurig sind. 16 Seid euch einig im Denken und Handeln füreinander und miteinander. Strebt nicht ständig unzufrieden nach mehr, sondern haltet es mit den Demütigen und Bescheidenen. Bildet euch nichts ein auf eure Klugheit.


Liebe Gemeinde,


der Teufel sitzt bekanntlich im Detail, und so ist es völlig verständlich und normal, dass christliche Gemeinden wie die in Rom vor 2000 Jahren oder unsere hier in Gruiten und Schöller sich oft schwertun, das leuchtende Idealbild einer christlichen Gemeinschaft zu erreichen oder zu erhalten. Der Apostel Paulus ist ein sehr guter Menschenkenner und ein ausgesprochener Realist, was das anbelangt. Er kennt seine christlichen Pappenheimer landauf, landab und weiß, dass es bei allem guten Willen immer wieder menschelt, wie man so schön sagt.

 

Das mit der Nächstenliebe, dem Gemeinschaftssinn, der Bescheidenheit und Zufriedenheit leuchtet uns allen ein. Aber es umzusetzen und im Alltag zu leben, ist eine andere Sache. Hier haben wir schnell unsere Ausreden, warum das im Einzelfall nicht funktioniert, warum es gerade jetzt nicht passt und deshalb jetzt nicht dran ist. So finden wir uns ein ums andere Mal auf dem Boden der Tatsachen wieder und verhalten uns wie andere Menschen in unserer Gesellschaft auch, völlig „normal“ – ein bisschen egoistisch, ein wenig berechnend, etwas nörgelig. Vielleicht auch ein bisschen mehr von alledem – schließlich sind wir ja auch nur Menschen und müssen schauen, wo wir bleiben! Oder: Man gönnt sich ja sonst nichts, oder: Ich habe gerade so viel zu tun und keine Zeit für andere. 


Ich nehme mich da überhaupt nicht aus: Ich muss auch schauen, wo ich bleibe, habe als Privatmensch auch meine Pläne und Interessen, schaue auch schonmal auf die Uhr, werde ungeduldig oder unwillig. Und bei der vielen Not in der Welt stellt sich ja auch schnell das Gefühl von Ohnmacht ein. Wie, Sie kennen das? Das beruhigt mich sehr, denn dann sitzen wir in einem Boot und sind zumindest in dieser Hinsicht ehrlich zu uns selbst und zueinander.


Der Teufel steckt im Detail, wie gesagt. Und das macht es dem Guten so schwer, sich durchzusetzen. Wir haben gute Vorsätze, gerade zu Beginn des neuen Jahres, aber schaffen es letztlich doch nicht, unsere Alltagsroutine aufzubrechen, unsere Gewohnheiten zu ändern. Aber ich sage Ihnen jetzt mal was, sollten Sie darüber gerade mit sich hadern: Kopf hoch - das ist alles nicht so tragisch, denn dass unser Geist willig ist, aber das Fleisch schwach, hat sich auch schon bei Gott herumgesprochen. Und, das ist die frohe Botschaft, er nimmt uns so, wie wir sind. Er entlädt keinen Shitstorm über uns, er streicht uns nicht von seiner Liste. Vielmehr baggert er immer weiter und immer neu um uns. Er wirbt mit Worten und Wohltaten um unsere Herzen und freut sich wie ein närrischer Papa, wenn seine Kinder doch einmal seinen Rat annehmen und sich Dinge zum Guten verändern. Er freut sich, wenn wir Menschen uns von seiner frohen Botschaft inspirieren lassen. Er freut sich, wenn wir es schaffen loslassen, was uns im Leben fesselt, wenn wir uns von unguten Gewohnheiten und toxischen Beziehungen freimachen. Er freut sich, wenn wir den Dreh kriegen zu einem Leben, das uns gut tut und unseren Mitmenschen auch. Gott freut sich wie der Vater im bekannten Gleichnis vom verlorenen Sohn: Der Sohn tut sich lange Zeit schwer, sein Lotterleben aufzugeben, seine Fehler zuzugeben und nach Hause zurückzukehren. Als er es aber tut, rennt er bei seinem Vater offene Türen ein und löst eine Wahnsinnsfreude bei ihm aus. 


Der Apostel Paulus formuliert die frohe, befreiende Botschaft an anderer Stelle so: Gott verzichtet darauf, uns nach unserer Leistung und unseren Erfolgen zu beurteilen. Er hat vielmehr grenzenlose Liebe und schier grenzenloses Nachsehen mit uns, seinen „Ebenbildern“. Er zeigt uns, wie befreiend und wohltuend es ist, sich für andere in liebender Fürsorge zu verschwenden, sich in den Dienst gelingender Gemeinschaft zu stellen, Brücken der Versöhnung zu schlagen, kurz gesagt: Nächstenliebe zu üben – empathisch zu sein in Freud und Leid. 

Am Kind in der Krippe, an Jesus von Nazareth, Gottes Sohn, können wir ablesen, wie diese bedingungslose Liebe aussieht und was sie bewirkt: Sie richtet Menschen auf, sie befreit von Altlasten, sie schenkt Zuversicht und ermutigt zu neuen Wegen. In Jesus haben wir die Lichtfigur, die uns Orientierung gibt in der Welt der tausend Irrlichter und die uns Zuversicht schenkt, dass wir Menschen mit all unseren Macken nicht an uns selbst verzweifeln müssen, sondern jeden Tag neu an unsere guten Vorsätze gehen dürfen. 


Liebe Gemeinde, es gibt noch eine zweite gute Botschaft: Sie, die Sie hier sitzen am Sonntagmorgen in der Gruitener Kirche, sie haben das alles doch schon längst verstanden und setzen es täglich in Ihrem Leben um. Ich weiß das, seit ich hier vor knapp einem Jahr als Ihr Pastor angefangen habe. Hier wirkt ein guter Geist, und das hat meiner Frau und mir von vornherein imponiert. Hier sind so viele gute Ansätze, so tolle Ideen, so viel Engagement. Wir spüren hier immer wieder eine positive Grundhaltung, viel Empathie und eine Menge Gastfreundschaft. So gesehen, dürfen Sie sich von der Ansprache des Apostels überaus bestätigt fühlen. Er hätte seine große Freude an Ihnen, da bin ich mir sicher. All das andere, was nicht so gut läuft, möchte ich nicht kleinreden, aber auch nicht bedeutender machen, als es ist; Sie wissen selbst am besten, wo es im Gemeindeleben hakt. 


„Prüfet alles, behaltet das Gute!“ lautet die Jahreslosung für 2025. „Prüfet alles, behaltet das Gute!“ Ja bitte, behalten Sie all das Gute bei, das Ihr Leben und das der Anderen bereichert und schön macht. Luft nach oben ist immer, aber wir müssen nicht perfekt sein. Hier und da stehen wir uns mit unseren Ängsten und Macken selbst im Weg, sind unglücklich darüber. Oder wir trauen uns nicht, toxische Beziehungen zu verändern oder aufzugeben. Auch das kann uns unglücklich machen. An diesen Stellschrauben können, sollten wir drehen. Denn nur wer selbst glücklich und zufrieden ist, kann Glück und Zufriedenheit in seine Umgebung ausstrahlen. Da kann schonmal ein Lächeln helfen, das wir schenken und das zurückkommt. Oder ein Kompliment, ein Blumenstrauß als Zeichen unserer Wertschätzung. Oder Zeit zum Zuhören für die, denen das Herz überquillt. Oder der Mut, ein klärendes Gespräch zu führen, das längst schon einmal dran wäre. Oder der Mut, Altes loszulassen und dafür Platz für Neues zu gewinnen. Es sind oftmals die Kleinigkeiten, die Details, die das Miteinander leichter und schöner machen – kleine Schritte, um auf dem Weg zum Idealbild christlicher Gemeinschaft zu bleiben, wie Paulus es sich denkt. 


Und wenn Sie jetzt sagen: Ja, aber – mir ist das zu anstrengend, da habe ich keine Energie für übrig – dann bitten Sie um Gottes inspirierenden, belebenden Geist. Er schenkt uns die Energie, die wir brauchen. Und er schenkt uns den Mut, gegebenenfalls ausgetretene Pfade zu verlassen, um zu uns selbst und zu einem gelungenen, glücklichen Miteinander zu kommen.


Amen. 


Predigt 2. So. nach Weihnachten, 5. 1.2025, Schöller, Predigt von Pastor Kurt Erlemann; Text: 1 Joh 5,11-13


11 Und dies hat Gott versichert: Er hat uns das ewige Leben geschenkt, und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Leben; wer aber an den Sohn Gottes nicht glaubt, hat auch das Leben nicht. 13 Daher habe ich euch geschrieben, dass ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, euch, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.


Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext ist nicht leicht zu verstehen; der Autor des Ersten Johannesbriefs spricht formelhaft: sich an den Sohn halten, den Sohn haben, an den Namen des Sohnes glauben als Türöffner zum ewigen Leben. Die damaligen Leserinnen und Leser mögen wohl verstanden haben, was der Briefeschreiber meinte. Aber wir heute? Vor dem Hintergrund des religiösen Pluralismus und des Toleranzgedankens gegenüber anderen Weltreligionen erscheint der Text erst einmal rückschrittlich: „Nur wer an Jesus Christus glaubt, wird selig“ – alle anderen nicht. Bekannte Sprüche wie Joh 14,6 („Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, wenn nicht nur durch mich“) lassen sich ähnlich interpretieren – als Hinweis auf den einzigen, exklusiven Weg zu Gott. Heißt das etwa, dass nur wir Christinnen und Christen zum ewigen Leben kommen (was auch immer das heißt) und alle anderen verdammt werden? Soweit wir an einen allgütigen Gott glauben, fällt das mir jedenfalls schwer zu glauben. Wie also ist der Predigttext aus dem Ersten Johannesbrief heute zu verstehen? 


Erlauben Sie dem Berufsexegeten in diesem Fall einmal, etwas über den historischen Hintergrund dieses Textes zu erzählen: Die Gemeinde, an die sich der Briefeschreiber richtet, stand vor einer Zerreißprobe – wie wohl viele Gemeinden jener Zeit, ungefähr 25 Jahre nach Jesu Tod. Es kam zu tiefgreifenden Zerwürfnissen, ausgelöst durch die ungeklärte Frage, ob Jesus denn tatsächlich der Christus, der Erlöser der Welt, war oder vielleicht nur ein herausragender Prophet Israels. Es muss heftig gegärt haben in jener Gemeinschaft, die sich selbst noch als Teil der jüdischen Gemeinschaft ansah; denn die Grenzen zwischen Judentum und Christentum waren zu jener Zeit noch längst nicht gezogen. Die junge Gemeinde stand mit ihrem Glauben an Jesus, den Christus mit dem Rücken zur Wand: Sie konnte gegenüber den anderen Juden wenig Argumente für ihren Glauben vorbringen: Nichts hatte sich seit Jesus zum Guten verändert; die Römer beherrschten nach wie vor das Land und beuteten es aus. Armut und Abhängigkeit bestimmten noch immer das soziale Klima. Zu allem Überfluss war dieser Mensch auch noch am Kreuz von Golgatha als Schwerverbrecher hingerichtet worden; das alles sprach ganz klar dagegen, in Jesus den Messias, den Christus, zu sehen. Und so wurde die Gemeinschaft der Christusgläubigen von den anderen Juden abgelehnt und aus der Synagoge ausgeschlossen. 


Dieser Konflikt gärte jedoch nicht nur zwischen christusgläubigen und anderen Juden; er gärte vielmehr in der Gemeinschaft der Christusgläubigen selbst: War Jesus lediglich ein Rabbi oder Prophet? Ein solcher Glaube war für viele die Lösung des Problems, denn das konnten alle Juden unterschreiben. Wenn er aber doch mehr war – Christus-Messias, Sohn Gottes, Erlöser der Welt? Dann wurde es unbequem, denn dann war der Bruch mit den anderen Juden, und das hieß: mit vielen engen Freunden, Nachbarn und Verwandten, unvermeidlich. Also war es nicht nur eine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Überlebens in der jüdischen Gemeinschaft, wie man sich zu Jesu stellte. 


An diesem Scheideweg entsteht nun der Erste Johannesbrief. Geschrieben wird er von einem Theologen oder Gemeindeleiter, der eine ganz klare, kompromisslose Meinung vertritt: Wer Jesus nicht für den Christus hält, verbreite den Geist der Lüge (neudeutsch: fake news) und gehört nicht mehr zur Gemeinschaft. Nur wer Jesus als den Christus, den verheißenen Messias Israels, bekennt, verkörpere den Geist der Wahrheit. 


Die Trennlinie zwischen den Religionen wird gezogen – in und mit diesem frühen Brief der Christenheit. Ein äußerst mutiger Schritt, denkt man an die Konsequenzen, die das für die christusgläubigen Juden damals nach sich zog: Repressalien, Verfolgung, Spott und mehr. Man kann aber auch sehr gut verstehen, weshalb die anderen Juden die Haltung der Christusgläubigen nicht akzeptieren wollten und konnten. Auch für sie ging es um Glaubwürdigkeit, um Gesichtswahrung und um Konsequenz. Und so wurde die Christusfrage zur Gretchenfrage des Juden- und des Christentums. Für die Christusgläubigen gab es seither kein Zurück mehr, sie mussten ihren eigenen Weg finden. Die fatalen Folgen dieses Weges, gerade für jüdische Menschen bis heute, sind bekannt.


Liebe Gemeinde, das sind wohlgemerkt historische Beobachtungen ohne jegliche Wertung. Wir können nicht entscheiden, wer den wahren Glauben hat und wer nicht – heute genauso wenig wie damals. Es gibt keinen Beweis für den richtigen Glauben. Wir können nur glaubend darauf vertrauen, dass aus dem Kind in der Krippe der Messias-Christus wurde, der Erlöser und Heiland der Welt. 

Doch jetzt noch einmal zurück zu den Formeln des Predigttextes: Diese schroffe Abgrenzung, diese scharfe Grenzziehung versteht sich aus den historischen Umständen. Sie ist kein Vorbild für unsere religiöse Haltung heute. Als etablierte Kirche sind wir sehr wohl in der Lage und angesichts unserer jüngsten deutschen Vergangenheit auch in der Pflicht, Glaubensüberzeugungen von so genannten Fakten zu unterscheiden. Keine Religion dieser Welt hat die Wahrheit für sich gepachtet. Der Gott, an den wir glauben, ist wahrscheinlich unendlich großherziger, als wir uns das vorstellen können – auch und insbesondere, was die Wege zu ihm, zum ewigen Leben anbelangt. Wer am Ende das ewige Leben erhält, weiß nur Gott allein! Daher sind Toleranz und Dialog mit anderen Religionen angesagt, um der Wahrheit näherzukommen. Ich behaupte einmal, dass die Wahrheit einer Religion sich daran ablesen lässt, ob sie ihren Beitrag zu einem gedeihlichen Miteinander aller Religionen leisten kann und will oder nicht. 


Was wir zu diesem Dialog als Christinnen und Christen, als Kirche theologisch beitragen können, ist unser faszinierendes, gleichsam paradoxes Gottesbild: Gott, so glauben wir, hat sich aufgrund der Liebe zu uns Menschen klein gemacht, ist Mensch geworden im Kind in der Krippe, hat darauf verzichtet, seine Allmacht und sein Allwissen einzusetzen, denn er wollte uns seine väterliche Liebe zeigen. In diesem Sinne lässt sich sagen: Nur wer in Jesus den Christus, den Sohn Gottes, erkennt, erkennt Gott als den Vater, als den, der so gar nicht dem Bild von einem allmächtigen Gott entspricht, der mit seinen himmlischen Heerscharen kommt und alles platt macht, was unrecht und böse ist. Der christliche Gott geht einen anderen Weg und durchkreuzt damit unsere eigenen Allmachtsphantasien. Stattdessen zeigt er uns einen Weg, der ohne Ellbogen und Gewalt zu einer menschlicheren Welt führt. Dass es diesen Weg gibt, das ist die frohe Botschaft, die uns Hoffnung schenkt und zuversichtlich macht: Gewalt und Tod haben nicht das letzte Wort, egal, was uns die Autokraten und Scharfmacher im Internet einreden. Am Ende höhlt die Liebe den Stein der Gewalt aus und wandelt sie in Versöhnung. Wenn wir dem Weg Jesu folgen, dem Weg der Liebe und der Versöhnung, dann wird unser christlicher Glaube, dann werden WIR für andere glaubwürdig.


Amen. 


Predigt 3. Advent, 15.12.2024, Gruiten, Predigt von Pastor Kurt Erlemann; Text: Röm 15,4-13


Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, 6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. 8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; 9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« 10 Und wiederum heißt es: »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« 11 Und wiederum: »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!« 12 Und wiederum spricht Jesaja: »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.« 13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.


Liebe Gemeinde,


von nichts kommt nichts – so sagt es der Volksmund, und der hat meistens irgendwie Recht. Wer kein Geld zum Anlegen hat, der kriegt auch nichts auf die hohe Kante. Wer nicht fleißig ist und übt, sein Potenzial nicht ausschöpft, wie es auf Neudeutsch heißt, der wird seinen Traumziel nicht erreichen. Übung macht ja bekanntlich den Meister. Wo aber kein Talent ist, nützt das ganze Üben und Trainieren nichts. Diese Erfahrung musste ich als Jugendlicher auch machen – zum Beispiel beim Klavierunterricht oder in der Schule, in Mathe. Warum erzähle ich Ihnen das alles, heute, am 3. Advent?


Nun, der Apostel Paulus, der unseren Predigttext verfasst hat, geht von derselben Erfahrung aus: Von nichts kommt nichts. Und das gilt auch für das hohe Gut der Hoffnung, das uns Menschen oftmals die Grenzen des schier Unmöglichen überschreiten lässt. Hoffnung ist nicht einfach da oder nicht da. Hoffnung ist auch nichts Beständiges. Hoffnung will trainiert werden, Hoffnung braucht regelmäßige Inputs, wie etwa Geduld (die man ja auch üben muss) und Ermunterung oder eine liebevolle Zuwendung, ein Kompliment, auch ein Lächeln oder das gute Wort zur rechten Zeit fördern die Hoffnung. Für Paulus hat das gute Wort, das Hoffnung schafft, einen Namen: Jesus Christus, Spross Davids, Messias, Heiland. Für Paulus ist das Kind in der Krippe Ausdruck der liebevollen Zuwendung Gottes zu uns Menschen, zur Welt insgesamt. 


Im Stall von Bethlehem erfüllt Gott seine Verheißungen an die Erzväter und -mütter Israels, an die Propheten des Alten Testaments, der Hebräischen Bibel. Dort ist immer wieder von einem die Rede, der kommen solle, das Volk und die Menschheit zu erlösen – von ihren Ängsten, von Leid und Unterdrückung, von Unrecht und Tod. Für die Menschen, denen Jesus von Nazareth begegnete, gab es gar keinen Zweifel: So wie der redet und handelt, so erwarteten sie es vom Gott Israels. Oder umgekehrt: Was sie vom Gott Israels erwarteten, wurde vom Mann aus Nazareth erfüllt. Jesus richtete die Menschen auf, gab ihnen ihre Würde zurück, er schenkte ihnen Zeit und Zuwendung, gab ihnen mit seinen Worten Hoffnung auf ein gutes, gelingendes, angstfreies Leben unter der Führung Gottes. Das waren keine leeren Worthülsen wie bei manchen Politikerinnen und Politikern; Jesus deckte seine Botschaft vielmehr durch sein Handeln ab. Er redete nicht nur schön, nein, er setzte auch um, was er sagte. Jesus hatte Charisma, er war authentisch, glaubwürdig, faszinierend und mitreißend. Seine Vision von Gottes liebender Herrschaft hatte das Potenzial, die Herzen der Menschen und von dort aus die Welt zu verändern. Und seine Menschlichkeit war der beste Beweis, dass er direkt von Gott gekommen war: So menschlich wie Jesus konnte nur Gott selbst sein!

 

Die Menschen um Jesus bekamen Mut, neu zu denken. Sie entwickelten Energie, ihre Welt umzugestalten. In den Gemeinden wurde Jesu Vision Wirklichkeit. Was zuvor utopisch, unmöglich schien, rückte auf einmal in greifbare Nähe: eine Welt, in der es solidarisch, geschwisterlich, gerecht und liebevoll zugeht, eine Welt, in der nicht das Geld, sondern Barmherzigkeit regiert. Eine Welt, die nicht automatisch dem Untergang geweiht ist und in der man als Einzelner sowieso nichts ausrichten kann, sondern eine Welt, die sich durchaus zum Guten umgestalten lässt – im Kleinen zuerst, und dann auch im Großen. Bis sogar die nicht religiösen Menschen nicht anders können, als Gott anzuerkennen und ihn für seine liebevolle Zuwendung zu loben.  


In Jesus von Nazareth, den wir den Christus, den Gesalbten, nennen, schloss sich für seine Zeitgenossen der Kreis: Gott steht treu zu seinen Verheißungen, auf ihn lässt sich vertrauen und hoffen. So wie für Zacharias, dessen Lobgesang wir in der Lesung gehört haben. Der Gott Israels hatte seinem Volk Erlösung versprochen, immer wieder, aber die Menschen mussten sich in Geduld üben, immer wieder, bis die Zeit reif war. Doch wer die Geduld nicht verloren hatte, der wurde reich belohnt – wie die Hirten auf dem Feld, wie die drei Weisen aus dem Orient, wie die vielen Zöllner und Sünder auf dem Weg Jesu. Für sie alle war der Grundstein für neue Hoffnung gelegt, für neue Lebensenergie, für Kreativität und Phantasie, die Welt zum Guten umzugestalten. 


Liebe Gemeinde, in diesen adventlichen Wochen vor Weihnachten klinken wir uns in die Aufbruchstimmung jener Zeit vor zweitausend Jahren ein, lassen wir uns von der Begeisterung der Menschen mitreißen, loben und danken Gott, der sich der Welt gegenüber und jedem von uns persönlich als treu erwiesen hat und immer wieder erweist. „Von nichts kommt nichts“, sagt der Volksmund. Hoffnung gibt es nur, wenn es einen konkreten Anhaltspunkt dafür gibt, wenn wir in unserem Leben Zeichen der Hoffnung entdecken. Das gute Wort Gottes, gesprochen in und durch Jesus von Nazareth, ist der konkrete Ausgangs- und Anhaltspunkt für unsere Hoffnung. 


Das gute Wort lässt hoffen, dass unsere Geduld nicht vergeblich ist, dass unser tägliches Bemühen um kleine Veränderungen zum Guten nicht umsonst ist, dass unsere kreativen Gedanken zur Gestaltung unserer Gesellschaft gesegnet, von Erfolg gekrönt sein werden. Die Vision Jesu von Nazareth von der heilvollen Herrschaft Gottes ist keine Utopie. Sie erscheint zwar oft unendlich weit weg, aber sie wächst und gedeiht, wenn wir sie bekannt machen und sie vorleben – im liebevollen Umgang miteinander, in Solidarität mit den Schwachen, in Fürsorge um die Schöpfung. Gottes Treue begleitet uns durch unser Leben, sein Wort kann uns täglich aufrichten. Und wenn es uns nicht schnell genug geht, üben wir uns in Geduld, denn wir wissen: Am Ende wird alles gut! „Beginne damit, das Nötige zu tun. Dann tue das Mögliche, und plötzlich tust du das Unmögliche!“ Mit diesem Hoffnung machenden Zitat von Franz von Assisi wünsche ich Ihnen und uns allen einen gesegneten dritten Advent! 


Amen. 


Predigt Ewigkeitssonntag, 24.11.2024, Schöller und Gruiten. Text: Ps 126


1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.


Liebe Trauernden, liebe Gemeinde,


eine schöne Vision bietet uns dieser Psalm, aus dem manche Traueransprache gestrickt ist. Von einem wunderbaren Traum ist da die Rede, von Erlösung, von Lachen und Lobpreis, von Fröhlichkeit und Freude. Das alles schien oder scheint für viele von Ihnen sehr weit weg – gefühlsmäßig so ziemlich das Gegenteil von dem, was Sie fühlten oder immer noch fühlen, wenn Sie an den Tod eines Ihnen vertrauten, geliebten Menschen denken, den Sie im letzten Jahr haben hergeben müssen.: statt Freude Traurigkeit, statt Lobpreis Klage, statt Lachen Weinen. Die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen kann lähmen – oftmals über die akute Phase des Abschieds hinaus. Alles hat seine Zeit, auch die Trauer, das sagt uns der Verstand, das sagt uns auch die Erfahrung. Trauer hat ihre Zeit, und es ist wichtig für die Seele, sie zuzulassen. 


Aber Trauer kann sich auch zu einem Gefängnis entwickeln, das uns vom Alltag, vom Leben fernhält, uns von unseren Mitmenschen isoliert und einsam macht. Dann kann die Trauer in Depression umschlagen, welche die Lebensgeister niederdrückt und uns nur noch das Schwere, Dunkle im Leben wahrnehmen lässt. Dann ist es ein Glücksfall, wenn verständnisvolle Menschen in der Nähe sind, die einen aufrichten, treu zur Seite stehen und die schönen Seiten des Lebens stark machen.


In einer solchen Langzeitdepression des Volkes Israel entstand der Psalm 126. Gefangen in Babylon fern der Heimat über fast 50 Jahre, ohne Aussicht auf Rückkehr in das Land, wo Milch und Honig fließen, in das Land der Verheißungen Gottes, ohne Hoffnung auf Erlösung aus der prekären Lage. Wie viele mögen damals vom Glauben abgekommen, in die Depression gerutscht oder zynisch geworden sein? Ich weiß es nicht. 


Mitten in diese Gefühlslage hinein entwirft der Psalmdichter die Vision von einem Ende der Babylonischen Gefangenschaft, malt er jenen wunderbaren Traum von Lachen, Lobpreis, Fröhlichkeit und Freude aufs Papier. Und der Psalmdichter sollte Recht behalten: Die Babylonische Gefangenschaft fand ein überraschendes Ende, die niedergeschlagenen Menschen konnten zurück in die Heimat, ins gelobte Land. Alles oder zumindest fast alles wurde wieder gut.


Liebe Gemeinde, der Psalm 126 hat die Jahrtausende überdauert, als Teil eines eindrucksvollen biblischen Glaubenszeugnisses, als Teil des Alten Testaments, der Hebräischen Bibel. Die Erfahrung der Deprimierten in Babylon, dass alles Leid einmal ein Ende hat, auch wenn es so gar nicht danach aussieht, diese Erfahrung hat die Zeiten überdauert. Psalm 126 erinnert uns daran, dass alles seine Zeit hat, aber auch, dass nach der Nacht ein neuer Tag kommt, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt, dass es Erlösung selbst aus tiefster Traurigkeit gibt. Der Psalm erinnert uns an den Gott der Bibel, der uns zu einem guten Leben in Fülle führen möchte. Dieser Gott verschont uns nicht vor Traurigkeiten, vor Sorgen und Leiden. Aber er trägt uns hindurch, geht an unserer Seite immer weiter und stellt uns Menschen an die Seite, die als seine Engel uns aufrichten und neuen Lebensmut vermitteln. Die Erzählung von den Spuren im Sand bietet ein schönes Bild dafür: 


„Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn. Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. Besorgt fragte ich den Herrn: "Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?" Da antwortete er: "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen."


Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass sich Ihre Traurigkeit peu à peu in Dankbarkeit verwandelt, dass Sie neuen Lebensmut fassen und sich wieder über das Schöne im Leben freuen können! Lassen Sie uns unseren Lebensweg in Zuversicht auf den Gott weitergehen, der selbst aus dem Tod heraus neues Leben schaffen kann und der uns ein ewiges Leben in der Gemeinschaft unserer Lieben, die uns vorausgegangen sind, versprochen hat.


Amen. 


Abend-Andacht Café Supernah, Gruiten 15. November 2024, 18 Uhr


Liebe Menschen hier im Café Supernah, wenn Sie etwas von der evangelischen Kirche und ihrem Pastor erwarten dürfen, dann ist es, dass Sie von dort Ermutigung und Ermunterung bekommen, Worte und Gesten, die trösten und Hoffnung machen. So ist es recht, und Sie müssen dafür nicht einmal eine Kirche aufsuchen, sondern „die Kirche kommt zur Station“. Das ist unser Motto, so soll es sein. Und jetzt sitzen wir hier, im Café Supernah in Gruiten – schön im Warmen und Hellen, mit belegten Brötchen und was zu trinken in Aussicht. Warum wir das als evangelische Kirchengemeinde machen? Nun ja – erstens, weil wir dort sein wollen, wo Sie sich darüber freuen, und zweitens, weil Glaube wie Liebe durch den Magen geht. 


Apropos Glaube: Was glauben Sie denn, was wir als christliche Gemeinschaft glauben? Nein, ich denke nicht an die drögen Worte des Glaubensbekenntnisses. Ich denke vielmehr an das, was bei Jesus „Evangelium“ – froh machende Neuigkeiten – heißt: Die Message, dass wir als Menschen nicht allein durchs Leben gehen müssen, dass wir nicht einfach unseres Glückes Schmied sind (oder eben auch nicht), dass es nicht an unserer Leistungsfähigkeit liegt, ob wir geachtet werden. In unserer Gesellschaft werden wir oft danach beurteilt, was wir leisten können, in unserer Welt ist letztlich jeder und jede auf sich selbst gestellt. Es gibt zwar ein soziales Netz samt Bürgergeld und vielem mehr. Doch diese Leistungen haben ihren Preis – nicht nur finanziell, sondern auch menschlich: Je mehr der Staat für seine Bürger tut, desto weniger fühlen sich Menschen füreinander zuständig und verantwortlich. Und so leben nicht alle, aber doch viele für sich, wursteln sich durchs Leben und überlassen die Sorge für die Nachbarn dem Staat. Kein Wunder, dass da viele vereinsamen oder depressiv werden! 


Doch genau dem hat unser Glaube etwas entgegenzusetzen: die frohe Botschaft nämlich, die Message Jesu, dass niemand letztlich alleine ist, sondern dass sich Gott kümmert. Gott kümmert sich gerade um diejenigen, die vom Leben abgehängt sind oder sich zumindest so fühlen. Der Gott der Bibel hat mehr zu bieten als ein finanzielles Auskommen und Sozialleistungen. Gott schenkt uns ein Leben, das Freude macht, ein Leben mit Sinn. Und er verheißt uns ein Leben in Fülle – ohne Einsamkeit, ohne Ungerechtigkeit, ohne Depression, ohne all das, was uns im Alltag bedrückt. 


Und damit wir eine Ahnung davon bekommen, wie das aussieht und wie das gehen kann – schon hier und heute – hat er uns Jesus geschickt. Der hat uns gezeigt, was wir Menschen Gott wert sind. Jesus hat sich für die Abgehängten der Gesellschaft stark gemacht, hat mit ihnen Essen und Trinken geteilt, hat mit ihnen Zeit verbracht, hat sie aufgerichtet und geheilt, hat ihnen ihre Würde zurückgegeben und den Mächtigen die Stirn geboten. Jesus lebte Barmherzigkeit, Empathie, er liebte die Menschen, egal wie sie aussahen, egal wie geachtet sie waren. Er liebte sie, weil sie, weil wir alle Gottes Kinder sind und weil sich Gott um seine Menschen kümmert. 


Als Menschen haben wir Würde, als Menschen mit Würde dürfen wir zuversichtlich durchs Leben gehen. Egal, wo wir gerade stehen, egal, wie es uns geht – wir sind nicht allein, und bei Gott wird auch niemand abgehängt! 


Ihr lieben Menschen hier im Café Supernah: genau das ist die frohe Botschaft, die uns Christinnen und Christen antreibt und durchs Leben hilft. Genau diese Message haben wir als Kirche Ihnen zu bieten. Nicht nur in schönen Worten, sondern auch mit unserer positiven Lebenshaltung und mit unserem Engagement – von der Kita über vielfältige Angebote der Diakonie bis hin zu Pflegeheimen und Hospizen, wo Menschen würdevoll behandelt werden. Als evangelische Gemeinde (und genauso natürlich als katholische) versuchen wir, die Verheißung Gottes, die frohe Botschaft Jesu schon hier und heute mit Leben zu füllen. Und deshalb sitzen wir heute Abend hier zusammen, kommen runter, hören, was uns gut tut, singen, essen und trinken und gehen hoffentlich nachher zuversichtlich nach Hause. Das ist mein Wunsch, mein Anliegen, hier mit Ihnen im Café Supernah! Gerne können wir im Anschluss uns darüber noch etwas unterhalten. 


Amen. 


Gedicht: Die vier Kerzen

Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen. Die erste Kerze seufzte und sagte: "Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht." Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schließlich ganz.


Die zweite Kerze flackerte und sagte: "Ich heiße Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne." Ein Luftzug wehte durch den Raum und die zweite Kerze war aus.


Leise und sehr traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort: "Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie lieb haben sollen." Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.


Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: "Aber, aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!" Und fast fing es das Weinen an. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: "Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung!" Mit einem Streichholz nahm das Kind, das Licht dieser Kerze und zündete die anderen Kerzen wieder an! (Autor unbekannt)


Fürbitten: 

Lieber Gott, wir bitten Dich für alle, die sich vom Leben benachteiligt und von der Gesellschaft abgehängt fühlen. Stelle ihnen Menschen an die Seite, die sich um sie kümmern, sich für sie einsetzen, damit sie neuen Lebensmut gewinnen.

Lieber Gott, wir bitten Dich für die, die traurig und niedergeschlagen sind, die einen Verlust beklagen oder schwer krank sind. Wir bitten Dich: Richte sie auf, lass sie ein Licht am Ende des Tunnels sehen, auf dass sie nicht verzweifeln.

Lieber Gott, wir bitten Dich für uns selbst, die wir uns nach Wärme, Geborgenheit und Orientierung sehnen. Zeige uns, was uns gut tut und was nicht, lass uns menschliche Gemeinschaft erfahren und das Gefühl entwickeln, dass wir nicht alleine auf unserem Weg sind. Amen. 


Vaterunser


Segenslied: Komm Herr, segne uns 

Segen: Es segne und behüte euch Gott, der Allmächtige und Barmherzige – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.dass unser Leben ein dickes Plus als Vorzeichen hat, dass es unter einem guten Stern steht. Denn wir müssen es nicht selber hinkriegen, dass es gut wird, sondern da ist einer, der es besser kann als wir. Und der hat versprochen, uns zu begleiten auf unserem Weg durchs Leben, durch alle Höhen und Tiefen an unserer Seite zu sein, einer der uns liebt, wie wir sind, mit allen Fehlern und Macken, mit unserer Vorgeschichte und Altlasten. 

Und dieser Jemand sorgt dafür, dass wir in der Spur bleiben, uns nicht verheddern, sondern am Ende des Tages sagen können: Es war gut so, wie es gelaufen ist! Und dieser Jemand macht uns Mut, morgens wieder aufzustehen und das Beste aus dem Tag rauszuholen. Und was ist das Beste? Dass wir Freude haben, Spaß haben mit den Menschen, die wir mögen, und dass wir mit den Anderen irgendwie gut hinkommen. 

Und wie kriegen wir das hin? Indem wir alles, was wir machen, mit Liebe machen. Mit Herzblut am besten. Ich weiß, dass das oft nicht funktioniert, auf der Arbeit zum Beispiel, wo vieles blöde Routine ist, und wo es nur darum gehen kann, genug Geld nach Hause zu bringen. Aber – wenn schon nicht da – dann zumindest in der Freizeit, in der Familie, mit Freunden, in den Ferien – wo und wann auch immer. „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!“ Und Sie werden erleben, dass am Ende die Liebe, die man gibt, am zu einem zurückkommt und das Leben schön macht. Probieren Sie es aus – schenken Sie sich ein Lächeln, eine Umarmung, ein Kompliment, ein Wort des Vertrauens – es kommt alles zu Ihnen zurück – glauben Sie´s mir! 

Und was hat das alles mit dem Glauben zu tun? Ganz einfach: Der sagt uns, dass das genau so stimmt und dass Gottes Liebe zu uns uns fröhlich macht – jeden Tag, wenn wir das wollen, und wenn wir selbst Liebe verschenken.


Amen.


Predigt 23. Sonntag nach Trinitatis, 3.11.2024, Schöller. Text: Röm 13,1-7


1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit[1], die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. 2 Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. 3 Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. 4 Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.


Liebe Gemeinde,


mein verehrter Mentor und Doktorvater prägte einmal den provokativen Satz: „Dieser Text gehört in die theologische Mottenkiste“. Er sagte dies, die Nazidiktatur und andere totalitäre Regimes vor Augen. Paulus habe nicht mit solchen Auswüchsen von Machtmissbrauch rechnen können, sonst hätte er anders geschrieben, so sein Argument. Und außerdem seien seine Leser, die römischen Christinnen und Christen, Gefahr gelaufen, als kleine religiöse Splittergruppe vom Staat verfolgt und zerrieben zu werden. In einer Zeit jedoch, so mein Doktorvater weiter, in der die Kirche eine gesellschaftliche Größe mit Einfluss sei, mithin in einer Demokratie, habe die Kirche die Pflicht, dem Staat auf die Finger zu schauen, gegebenenfalls Kritik zu üben und sich Maßnahmen, die gegen die verbriefte Menschenwürde gerichtet seien, zu verweigern. So weit, so schlau.


Aber, liebe Gemeinde, wo kämen wir hin, wenn wir Bibeltexte wie diesen in die Mottenkiste verbannen würden, nur weil sie nicht in den Zeitgeist passen oder eine negative Wirkungsgeschichte haben? Auch ich habe eine kritische Sicht auf derlei Bibeltexte gelernt. Ich denke aber, dass sie uns immer wieder herausfordern, neu über das Verhältnis zwischen Staat, Bürgerschaft und Religion nachzudenken. Auch Röm 13,1-7 hat eine bleibende Botschaft für uns, und die heißt: Der Staat ist eine grundsätzlich wichtige und zu respektierende Einrichtung! Das Gewaltmonopol verhindert Anarchie im Lande und sorgt, wenn es recht läuft, für sozialen Frieden, von dem wir letztlich alle profitieren. Allerdings legitimiert sich die staatliche Obrigkeit nicht selbst, sondern sie erhält ihre Berechtigung durch rechtmäßige Wahlen und, so Römer 13: durch eine höhere Macht namens Gott. Dessen sind sich auch viele Politikerinnen und Politiker bewusst und leisten in unserem christlich geprägten Land daher ihren Amtseid mit dem Zusatz „So wahr mir Gott helfe“. 


Sofern sich nun alle Beteiligten einig sind, dass Gott an höchster Stelle steht und die Staatsgewalt ein notwendiges Instrument ist, um die gesellschaftliche Ordnung und den sozialen Frieden zu gewährleisten, sollte es an dieser Stelle kein Problem geben. Schwierig wird es, wenn eine Regierung die Religion instrumentalisiert, um eine menschenfeindliche Politik zu begründen, oder wenn sie die Religion ignoriert oder sogar unterdrückt und verbietet. 


Eine solche Situation kann sich Paulus in der Tat nicht vorstellen. Die Römer waren keinesfalls religionsfeindlich, und der soziale Friede war ein hohes Gut im Römischen Reich. Die Römer waren ausgesprochen tolerant, was die Religionen anbelangt. Nur Gruppen, die sich dem römischen Staatskult verweigerten wie die Christen und die Juden, hatten mit Repressalien zu rechnen. Genau da aber lag der Hase im Pfeffer für Paulus: Die Christinnen und Christen in der Hauptstadt Rom hatten kein gutes Standing. Sie waren auf dem Radar der römischen Behörden und konnten sich nur abseits der Öffentlichkeit organisieren und ihre Gottesdienste feiern. In dieser Situation hätte eine offene Verweigerung, die Obrigkeit anzuerkennen, das sofortige Ende der Gemeinde bedeutet. Unter Kaiser Nero kam es ja dann auch so; aber das war ein paar Jahre später, nach dem Römerbrief. 


Und noch andere Motive hatte Paulus, an der Obrigkeit seiner Zeit nicht zu kratzen: Erstens, für ihn war der Staat tatsächlich eine Schöpfungsordnung – manchmal schwer erträglich, aber eben von Gott so gewollt. Zweitens, Paulus rechnete mit der baldigen Wiederkunft Christi und ergo mit dem Ende aller irdischen Obrigkeiten. Warum also jetzt noch den Aufstand proben, die Steuern verweigern und ähnliche Provokationen? Für Paulus war etwas anderes viel wichtiger: Gott zu ehren. Im letzten Vers des Predigttextes schreibt er: „So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“ Dieser Vers erinnert an die Antwort Jesu auf die Frage, ob es ok sei, dem römischen Kaiser Steuern zu zahlen; wir haben den Text gerade in der Lesung gehört (Mk 12,12-17). Jesus äußert sich ganz ähnlich wie Paulus, spitzt seine Aussage aber noch zu: „Gebt dem Kaiser, was ihm zusteht, aber, noch viel wichtiger: Gebt Gott, was ihm zusteht!“


Es geht also um Prioritäten: Was ist das Wichtigste im Leben, wofür sollten wir Christinnen und Christen uns engagieren? Gebt Gott, was ihm zusteht! sagt Jesus. Oder auch: „Ihr seid Salz der Erde und Licht der Welt“ – Ihr habt also eine herausgehobene Aufgabe in der Gesellschaft. Gebt den Menschen Hoffnung, Lebensfreude und Orientierung, und gebt ihnen damit den Glauben an Gott zurück! Das ist das Wichtigste überhaupt. Alles andere sind, im Bild gesprochen, ethische Peanuts. Ob man jetzt die Steuerpläne der Ampelkoalition für gut oder schlecht hält, das Gendern befürwortet oder ablehnt, ein Bürgergeld und eine Bürgerversicherung favorisiert oder nicht – das alles ist zweitrangig. Zumal all diese Themen und Maßnahmen ihre Fürs und Widers haben. Wichtig ist lediglich, dass wir daran mitarbeiten, die Demokratie zu erhalten, dass wir nicht abstumpfen in Fragen sozialer Gerechtigkeit und dass wir die allgemeine Intoleranz und Empörokratie in den sozialen Medien nicht auch noch befeuern.


Gute Staatsbürger sein, durchaus kritisch, aber bitte konstruktiv, und ansonsten das tun, was uns Christinnen und Christen am besten zu Gesicht steht: Nächstenliebe üben, Orientierung schaffen, Zuversicht und Hoffnung stärken, Besonnenheit bewahren und die Vision von einer Gesellschaft, die im Frieden und in sozialer Gerechtigkeit zusammenlebt, hochhalten.


Jesus gab dieser Vision einen Namen: Er nannte sie Reich oder auch Herrschaft Gottes. Sie ist das Leitbild bzw. das Gegenbild jeder weltlichen Herrschaft, jedes weltlichen Staates, wo es naturgemäß ungerecht und allzu menschlich zugeht. Diese Vision hochzuhalten und sie immer wieder ins Gespräch zu bringen, ist unser Job – als christliche Gemeinschaft in Schöller und Gruiten und anderswo. Gebunden sind wir dabei an die Strukturen unseres Gemeinwesens. Und die sind Gott sei Dank demokratisch, auch wenn einige Wenige das anders sehen.


Liebe Gemeinde, wir haben in der Gesellschaft noch immer etwas zu sagen. Ja, die Menschen erwarten von uns Signale, die zuversichtlich stimmen, Signale, die klar machen, dass wir über Ungerechtigkeiten und die Unzulänglichkeiten unseres Staats nicht verzweifeln müssen. Signale dafür, dass die einzige tragbare Alternative für Deutschland eine vom christlichen Welt- und Menschenbild geprägte Gesellschaft ist. Vieles von dem, was die Menschen ärgert und gegen den Staat aufbringt, wird erträglicher, wenn der § 1 unserer christlichen Ethik in die Gesellschaft hineinwirkt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Wenn du das tust, schreibt Paulus weiter, dann hast du das Gesetz und deine christliche Pflicht erfüllt. 


Konkret kann das viel bedeuten, den Nächsten wie sich selbst zu lieben: gegenseitig Respekt und Toleranz üben, nie vergessen, dass der Andere, bei aller möglichen Kritik, auch ein Mensch ist, von Gott gewollt, nicht nur Täter, sondern auch Opfer, und umgekehrt: nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Bedeuten kann das Gebot auch, eine Streitkultur zu pflegen, die den Anderen nicht niedermacht wegen einer anderen Meinung, sondern versucht, mit ihm zusammen nach Lösungen zu suchen. Nächstenliebe heißt auch, niemanden abzuschreiben nach dem Motto: Bei dem oder bei der ist Hopfen und Malz verloren!, sondern sich immer wieder neu umeinander zu bemühen, Versöhnung zumindest zu versuchen, den ersten Schritt zu wagen, Brücken zu bauen, wo sie nötig erscheinen. Kurz gesagt: Das Gebot der Nächstenliebe, dieser § 1 unserer christlichen Ethik, hält uns dazu an, den § 1 unserer Verfassung („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) ernstzunehmen und im täglichen Umgang miteinander zu trainieren. Jede und jeder von uns und den Menschen um uns herum hat seine eigene, gottgegebene Würde. Jede und jeder hat ein Recht auf Freiheit und auf eine eigene Meinung. Jeder und jede aber hat auch die Pflicht, an einem gedeihlichen Miteinander in unserer Gesellschaft mitzuarbeiten, Stammtischparolen nicht mitzugrölen, Sachlichkeit einzufordern und gegebenenfalls der staatlichen Obrigkeit ins Stammbuch zu schreiben, wozu sie gewählt ist: Dienst – lateinisch ministerium – zu tun an den ihr anvertrauten Menschen.



In diesem Sinne, liebe Gemeinde: Gebt dem Staat Steuern und erfüllt Eure Bürgerpflichten, seid kritisch, wo es notwendig ist, und ansonsten gebt Gott, was ihm zusteht: Euer Engagement für eine lebens- und liebenswerte Welt, so wie sie uns Gott anvertraut und verheißen hat. Lasst uns Werbung machen für den Gott, der uns täglich reich beschenkt mit dem, was wir zum Leben brauchen – Essen und Trinken, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, eine Arbeitsstelle genauso wie Vertrauen, Zuversicht und Liebe. Lasst uns Werbung machen, indem wir denjenigen Menschen zur Seite stehen, denen es am Nötigsten fehlt, die ausgegrenzt und gemobbt werden. Lasst uns für Gott und unseren Glauben Werbung machen, indem wir den Menschen zuhören und sie aufrichten, mit ihnen das Leben in Fülle teilen – schon hier und heute.


Amen. 


Predigt 22. So. nach Trinitatis (Erntedank), 13.10.2024, Gruiten, mit Vorschulkindern. Text: Mk 6, 30-44


„30 Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. 32 Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. 33 Und man sah sie wegfahren, und viele hörten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an. 35 Da nun der Tag fast vergangen war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Stätte ist einsam, und der Tag ist fast vergangen; 36 lass sie gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich etwas zu essen kaufen. 37 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? 38 Er aber sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht hin und seht nach! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf, und zwei Fische. 39 Und er gebot ihnen, dass sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras. 40 Und sie setzten sich, in Gruppen zu hundert und zu fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie sie ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle. 42 Und sie aßen alle und wurden satt. 43 Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. 44 Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Männer.“


Liebe Vorschulkinder, liebe Erwachsene,


teilen heißt das Zauberwort, das bewirkt, dass am Ende alle satt werden. Und wenn das, was wir haben, noch so wenig erscheint, lässt es sich durch Teilen ganz toll vermehren. Das zeigt das Wunder von der Speisung der 5000. Die Jünger Jesu – mindesten zwölf an der Zahl – haben gerade mal fünf Brote und zwei Fische als Wegzehrung dabei, dort, wo man nichts kaufen kann. Genau dort treffen sie auf ganz viele hungrige Menschen. Die Bibel sagt, es waren 5000 Männer, und da muss man dann noch Frauen und Kinder dazuzählen. Und da sagt Jesus allen Ernstes zu ihnen: Gebt mir das, was ihr habt, und wir teilen es mit all den Menschen da. Da staunten die Jünger nicht schlecht, manche waren skeptisch und vielleicht sogar verärgert, dass sie ihre kostbaren Brote und Fische abgeben sollten – wie sollte das jemals für alle reichen? Weiß doch jedes Kind, wisst auch Ihr Vorschulkinder, dass man sein Bütterken nicht mit so vielen anderen teilen kann, wenn da noch jemand satt werden soll von! 


Aber am Ende vertrauen die Jünger Jesus – er hatte schon oft gezeigt, was alles möglich ist und wovon wir Menschen nur träumen können: die Heilung von schwerer Krankheit – einfach so, mit nur einem Wort; die Rettung aus Seenot – ebenfalls mit nur einem Wort. Später sollte Jesus sogar Tote auferwecken – mit nur einem Wort.


Ein Wort genügt bei Jesus – und die Menschen werden heil. Ein Wort Jesu genügt, und die Gefahr ist gebannt. Ein Wort aus seinem Munde genügt, und wir müssen keine Angst mehr haben. Ist das nicht wunderbar, ist das nicht toll? Jesus ist aber kein Zauberer, der den Leuten etwas vorgaukelt. In Jesus wirken vielmehr die Kräfte Gottes, des Schöpfers und Erhalters der Welt. Jesus zeigt den Jüngern und uns: Geht nicht, gibt´s nicht! bei Gott. Wer Vertrauen in Gott hat, für den werden Dinge möglich, die eigentlich unmöglich sind. 


Allerdings geht das nicht einfach so, sondern wir müssen schon mithelfen – mit Vertrauen, mit Glauben und mit der Bereitschaft zu teilen. Die Jünger geben schließlich ihr Bütterken an Jesus ab – trotz aller Zweifel, trotz der Sorge, am Ende selbst hungrig zu bleiben. Und Jesus nimmt die fünf Brot und zwei Fische und teilt alles an die hungrigen Menschen aus. Und siehe da: Alle bekommen was davon, alle werden satt von dem, was mal fünf Brote und zwei Fische waren. Über 5000 Menschen – das können wir uns gar nicht vorstellen. Aber wir können uns vorstellen, wie erstaunt und beeindruckt die Jünger waren, was ihre Bereitschaft zu teilen, was ihr Vertrauen in Jesus bewirkt hat – eine tolle Sache, kaum zu glauben, aber wahr! So haben es die Jünger erlebt, und so haben sie es für uns aufgeschrieben, damit wir nie vergessen, was Teilen bewirken kann; damit wir uns immer daran erinnern, dass bei und mit Gott so vieles möglich ist, selbst da, wo wir es für unmöglich halten und es eigentlich nicht glauben können. Teilen erfordert Mut, aber Teilen bringt auch Segen. „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagt ein Sprichwort. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, ein anderes.


Und das zeigt, dass es beim Teilen nicht nur um Essen und Trinken geht, sondern auch um Freude, um Traurigkeit, um Zeit und um Liebe. Das alles können wir teilen und uns gegenseitig damit fröhlich machen. Das alles können wir teilen, weil wir selbst so reich sind: der eine an Essen und Trinken, der andere an Fröhlichkeit, wieder einer an Zeit, noch einer an Geld, wir alle aber an Liebe. 


Und, liebe Gemeinde, Groß und Klein, Teilen ist die schönste Art Danke zu sagen – Danke für alle tollen Sachen, die uns das Leben ermöglichen und bereichern. Danke für Essen und Trinken, danke für jede kleine Freude, danke für unsre Arbeitsstelle, für die Gesundheit, für unser kleines und großes Glück! Und so feiern wir heute Erntedank, danken Gott für all die wunderbaren Gaben, und teilen miteinander, was wir haben.

 

Amen. 


Predigt 21. So. nach Trinitatis (Erntedank), 6.10.2024, Schöller, mit Taufe Franken. Text: 1 Tim 4,4f., / 1 Kor 13,8a


„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und auf nichts muss man verzichten, wenn man es nur dankbar empfängt; wofür man danken kann, muss man verzichten. Denn alles wird heilig, wenn Gottes Wort in unserer Mitte ist und wenn wir Gott im (Tisch-)Gebet um seinen Segen bitten.“


„Die Liebe hört niemals auf“


Liebe Familie Franken, liebe Erntedank-Festgemeinde,


was für einen herrlichen Anblick bietet heute unsere Kirche – reich geschmückt gestern Nachmittag von Familie Bröcker. Wie jedes Jahr feiern wir Anfang Oktober das Erntedankfest und freuen uns über die vielfältigen, bunten Gaben – Blumen, Ähren, Obst und Gemüse. Alles, was die diesjährige Ernte hervorgebracht hat, steht uns anschaulich vor Augen. Und das ist gut so, denn gerade Stadtkinder denken oft, dass Brot, Milch und Wurst aus dem Supermarkt kommen. Alles, was wir an Lebensmitteln zum Leben brauchen, stammt aber letztlich aus der Landwirtschaft. Dass wir tagtäglich in den Regalen der Supermärkte oder im Hofladen unseren Bedarf stillen können, ist zum einen das Ergebnis monate-, ja jahrelanger Arbeit auf den Feldern und in den Ställen. Für diese Arbeit können wir nicht genug Danke sagen! Zum anderen aber ist es ein Geschenk des Himmels, dass da alles so wächst und gedeiht, damit wir rund ums Jahr satt werden können.


Schauen wir in die Nachrichten, sehen wir ebenfalls fast täglich, wie Naturereignisse die Arbeit vieler Monate in wenigen Minuten zerstören kann – letzthin in Nepal und in den USA. Deutlich vor Augen habe ich noch den Anblick zerstörter Weinberge. Die Katastrophe ist innerhalb einer Stunde Anfang August im Klettgau an der deutsch-schweizer Grenze passiert. Alle Reben zerfetzt, kaum ein Blatt war noch an seinem Platz. Die Jahreseinkünfte vieler Familien – in einer Stunde zunichte gemacht. Wer die Bilder von Überschwemmungen landauf, landab nicht verdrängt, kann ermessen, was dort nicht nur an häuslichem Hab und Gut, sondern auch an Feldern und Weiden zerstört wird. Wären wir europaweit nicht so gut vernetzt, hätten wir regional Riesenprobleme. 


Nein, liebe Gemeinde, es ist überhaupt nicht selbstverständlich und war es zu keiner Zeit, dass wir unser Leben ohne massive Sorgen um das tägliche Brot leben können. Es ist vielmehr ein Riesengeschenk, wenn die Saat auf den Feldern am Ende abgeerntet und verarbeitet werden kann und wenn für unser Vieh genügend Futter da ist. Und das ist Grund zum Dank, zu Erntedank. Wir danken Gott für seine Barmherzigkeit, wie wir es gleich im Anschluss an die Predigt singend tun werden. An Gottes Segen ist letztlich alles gelegen; das wissen nicht nur unsere Landwirte, das ahnen wir alle mehr oder weniger. Und so danken wir für Gottes tägliche Gaben – alles, was er geschaffen hat, ist gut für uns, so sagt es der Predigttext aus dem Ersten Timotheusbrief. Und wenn wir es dankbar empfangen, entwickelt es Segen für unser Leben – damit unser Leben Bestand hat und es gelingt.


Alles, was Gott erschaffen hat, ist gut für uns. Beim Anblick der reich geschmückten Kirche fällt uns das nicht schwer nachzusprechen. Aber eigentlich ist es eine steile Behauptung. Denn vieles, was wir in unserem Leben empfangen und erfahren, würden wir nicht als gut bezeichnen. Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unglück und Tod gehören ebenfalls zu unserem Alltag. Was soll daran gut sein? Warum sollten wir für all das dankbar sein?


Liebe Gemeinde, ich gebe Ihnen Recht: Auch ich neige nicht eben zu Dankbarkeit, wenn mir Schlechtes widerfährt. Doch ich lasse immer eine nachdenkliche Frage zu: Wer weiß, wozu es gut ist?! Vieles verstehen wir nicht – weshalb uns das Wetter vieles zerstört, weshalb es Gewalt und Krankheit auf der Welt gibt. Weshalb wir Durststrecken und Schlimmeres erleiden. Wer weiß, wozu es gut ist?! Die Frage suggeriert, dass sich möglicherweise in Zukunft der tiefere Sinn all dessen erschließt. 


Doch um die Frage stellen zu können, ist eine positive Haltung Voraussetzung – dass ich mein Lebensglas halbvoll und nicht halbleer sehe. Dass ich als großes Vorzeichen vor der Klammer meiner Biographie ein Plus sehe. Voraussetzung ist auch, dass es Gott gut mit uns meint, auch wenn er uns manches zumutet. Für vieles sind wir dankbar, vieles aber verstehen wir nicht. Vieles können wir nur erahnen. Der Sinn so manch leidvoller Erfahrung erschließt sich uns wie in einem Zerrspiegel – so drückt es der Apostel Paulus im 13. Kapitel des Ersten Korintherbriefes aus. Paulus zeigt sich im selben Zusammenhang aber auch zuversichtlich, dass wir irgendwann verstehen können, wozu etwas gut gewesen sein könnte. 


Unsere Gegenwart mit all ihren Unwägbarkeiten und Unsicherheiten taugt nicht als Beweis für Gottes Güte. Aber sie ist ein Training im positiven Denken, in der Hoffnung, dass am Ende alles gut werden wird. Und es ist ein Training im Glauben, dass Gott es gut mit uns meint, auch wenn wir es nicht immer so wahrhaben. Und schließlich ist die Gegenwart ein Training in der Liebe, mit der wir uns gegenseitig durch alle Höhen und Tiefen des Lebens tragen können. Die Liebe hört niemals auf – der Taufspruch von Henri Franken verspricht Verlässlichkeit in unserem Leben. 


Die Liebe ist das Rezept für ein gelingendes Leben und für ein gedeihliches Miteinander. Die Liebe hört niemals auf – so wie Gottes Liebe zu uns Menschen. In der Taufe gibt er uns das Versprechen, verlässlich an unserer Seite zu bleiben – ein Leben lang und über den Tod hinaus. Wer im Leben diese Liebe erfährt und sie täglich trainiert, für den sind nicht nur die reichen Gaben an Erntedank ein Grund zum Danken, sondern letztlich alles, was uns widerfährt. Alles im Leben hat seinen Sinn und bringt uns weiter auf unserem Weg zum großen Ziel des Lebens in Fülle. Daher lasst uns die Liebe, die Hoffnung und den Glauben an den Gott, der uns und die ganze Welt erschaffen hat, der uns mit guten Gaben tagtäglich, jahraus und jahrein, versorgt, trainieren und festhalten – Henri und vielen anderen Kindern zum Vorbild und uns selbst zum Segen.


 Amen. 


Predigt zum Festgottesdienst anlässlich des 130. Jubiläums des Gruitener Posaunenchors, 21. 9.2024, Gruiten. 

Text: Koh 3


Liebe Bläserinnen und Bläser unseres Posaunenchors, liebe Festgemeinde,


heute ist ein Tag zum Dankbarsein, heute ist ein Tag zum Feiern! Von langer Hand geplant und bis ins Detail liebevoll und engagiert vorbereitet, feiert heute unser Gruitener Posaunenchor das 130. Jahr seines Bestehens (oder sogar schon das 132.?!) – erst mit diesem Festgottesdienst und später mit einem festlichen Empfang im Bürgersaal. Alles ist auf den Punkt genau fertig geworden – bravo, liebes Vorbereitungsteam unter der Leitung von Jens Lemke und Martin Kraus! 


„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ heißt es im 3. Kapitel des Predigerbuches. Unter anderem heißt es da: „Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit, Klagen hat seine Zeit, Tanzen hat seine Zeit.“ Wir könnten ergänzen: „Feiern hat seine Zeit, Dankbarsein hat seine Zeit“. 


Wofür wir alles danken können und weshalb wir heute feiern, beschreibt der Songtext von „Look at the World“ von John Rutter. Das Lied wird im Anschluss vom Posaunenchor erklingen. In diesem Lied heißt es auszugsweise und in deutscher Übersetzung: 

„Schaut euch die Welt an, alles um uns her. Schaut euch die Welt an, staunt über jeden Tag. So viel Freude, so viele Wunder an unserem Wegrand. Lob sei dir, Gott, für die gesamte Schöpfung! Schenke uns dankbare Herzen, dass wir deine Geschenke und deinen reichen Segen wahrnehmen. Alles kommt von dir, Herr.“ 


Mit diesem wunderschönen Songtext werden wir nicht nur auf die heutige Jubiläumsfeier eingestimmt, sondern auch auf das Erntedankfest, das wir bald schon hier in Gruiten und Schöller feiern werden. Und zur Dankbarkeit besteht, wenn wir näher hinschauen und dem Songtext weiter folgen, jede Menge Anlass: 


Der Blick in die Schöpfung zeigt, dass wir täglich reich beschenkt werden. Wir haben alles, was wir zum Leben brauchen und noch viel mehr darüber hinaus. Materielle Sorgen sind den Meisten von uns fremd, im Gegenteil: Wir leben im Überfluss und können uns den schönen Dingen des Lebens viel mehr widmen als die Menschen vor rund 130 Jahren, als der Gruitener Posaunenchor ins Leben gerufen wurde. Weiterhin sind wir als Glieder der Gruiten-Schölleraner Kirchengemeinde mit einer intakten, wohltuenden Gemeinschaft gesegnet. Sofern wir gesund sind, sich die Sorgen um unsere Lieben sich im Rahmen halten, fehlt es uns an nichts. Ist das nicht wunderbar, ist das nicht ein Grund, von Herzen dankbar zu sein? Ich denke schon! 


Ich meine: Letztlich ist nichts, was es zwischen Himmel und Erde gibt, selbstverständlich, sondern ein wunderbares Geschenk Gottes an uns. In dieser Schöpfung passt alles symphonisch zusammen: Die Jahreszeiten und die Wachstumszyklen auf der Erde sind aufeinander abgestimmt, so dass zur rechten Zeit Ernte möglich ist. Ebenso sind die Himmelskörper aufeinander abgestimmt, so dass es Ebbe und Flut gibt und wir uns selbst im Dunkeln am Lauf der Gestirne orientieren können. Schauen wir noch genauer auf die Welt, entdecken wir noch viel mehr Details der fürsorglichen und symphonisch abgestimmten Schöpfung: Sonne und Regen wechseln sich ab, letztlich zu unserem Guten. Täler und Flüsse harmonieren, jedenfalls meistens. Und im übertragenen Sinne gilt: Nach jeder Nacht folgt wieder ein Tag. Am Ende eines Tunnels gibt uns Licht neuen Mut und Orientierung. Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich eine andere. Und, und, und…


Diese symphonisch aufeinander abgestimmte Schöpfung lässt sich sogar hören: in den Klängen des symphonisch aufeinander abgestimmten Posaunenchors aus Gruiten. Wo er zu hören ist – und das ist im Verlauf eines Kirchenjahres doch erfreulich oft – macht sich festliche Stimmung breit, kommt das Lob des Schöpfers aus unseren Herzen und Stimmen, können wir dankbar staunen über so viel symphonischen Musikgenuss. Im Hören auf den Posaunenchor erfahren wir die Symphonie der göttlichen Schöpfung noch einmal ganz anders und intensiver. Ja, auch die Musik gehört zu den Geschenken Gottes an unsere Seelen: Sie beschwingt uns, sie macht uns fröhlich, manchmal auch nachdenklich, aber in jedem Falle macht sie unser Leben reicher. Wohl der Gemeinde, die einen so traditionsreichen und musikalisch vielseitigen Posaunenchor in ihren Reihen hat! Da bleibt es nicht beim oft drögen Wort, da macht sich Feierstimmung breit und damit einhergehend neue Zuversicht und eine Leichtigkeit, die uns auch durch schwere Zeiten hindurchtragen kann. 


Liebe Festgemeinde, ein besonderes Markenzeichen unseres Gruitener Posaunenchors ist: Er ist vielseitig im Repertoire, verlässlich in unseren Planungen, herzlich im Umgang und immer wieder eine feierliche Bereicherung. „Look at the world“ – schaut auf Gottes Schöpfung und hört auf den Posaunenchor! Lasst uns feiern und dankbar sein für so viel Talent, Spielfreude und symphonische Gestimmtheit! Und über allem loben wir Gott für seine Schöpfung, die er uns zur Verfügung stellt Tag für Tag!


Wir alle aber, die wir hier beisammen sind, sind „stewards of his bounty” – Treuhänder der göttlichen Gaben, wie der Song „Look at the World“ sagt. Dass daraus Verantwortung erwächst, brauche ich nicht zu betonen. Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass auch die kommenden Generationen sich über die Geschenke Gottes freuen können und dankbar sein können für alles, was er uns täglich bereitstellt. Und es liegt an uns allen, dass es auch noch in Jahren und Jahrzehnten einen Gruitener Posaunenchor gibt.


„Feiern hat seine Zeit, dankbar sein hat seine Zeit“ haben wir vorhin versuchsweise den Predigttext ergänzt. Aber vielleicht hat der Prediger Salomos diese Zeilen auch bewusst ausgelassen – weil es eigentlich immer, zu jeder Zeit dran ist dankbar zu sein und das Leben zu feiern, wer weiß? Mit dem heutigen Jubiläum zum 130. (oder 132.?) Geburtstag des Gruitener Posaunenchors setzen wir ein hörbares, symphonisches Zeichen unserer Freude und Dankbarkeit an Gott, von dem alles kommt, was immer wir zum guten Leben brauchen.


Amen.


Predigt 16. So. nach Trinitatis, 15. 9.2024, Gruiten. Text: Ps 16,1-4.5-11 / Jos 1,9


Der Predigttext für den heutigen 16. Sonntag nach Trinitatis steht in Ps 16:

„Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich. / Ich weiß von keinem Gut außer dir. An den Heiligen, die auf Erden sind, an den Herrlichen hab ich all mein Gefallen. Aber jene, die einem andern nachlaufen, werden viel Herzeleid haben.


Der Herr ist mein Gut und mein Teil; du hältst mein Los in deinen Händen! Ich lobe den Herrn, der mich beraten hat. Ich habe den Herrn allezeit vor Augen; er steht mir zur Rechten, so wanke ich nicht. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen und nicht zulassen, dass dein Heiliger die Grube sehe. Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“


Jos 1,9: „Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst".


Liebe Festgemeinde, liebe Tauffamilie Wöckner und Stracke,


unser Psalm offeriert uns ein theologisches Rundum-Sorglospaket. Eigentlich könnte man die frohe Botschaft der Bibel auf diese paar Verse reduzieren. Da ist alles drin, was wir als Menschen brauchen und was uns durchs Leben hilft: Zuspruch, Halt, Trost, Schutz, Vertrauen, Hoffnung, Antworten auf existenzielle Lebensfragen und eine richtig gute Zukunftsperspektive. Das alles hat mit Gott zu tun – dem Gott der Bibel, dem Gott Israels und dem Vater Jesu Christi. Das Evangelium vom guten Gott, der für uns da ist, der uns liebt und uns durchs Leben trägt, ist die Kernbotschaft Jesu. Alles, was Jesus zu sagen hatte, steht im Prinzip schon in Psalm 16. Aber der Reihe nach:


Gott, so heißt es hier, hält unser Schicksal in seinen Händen. Und das ist gut so, denn so sind wir mit unseren Unzulänglichkeiten vor dem großen Scheitern unseres Lebens gefeit. Gott hat uns, bevor wir entstanden sind, ins Leben gerufen. Dass wir leben, ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern ein guter Plan Gottes. So haben wir es vorhin bei der Taufe von Melina gesungen. Die Taufe zeigt uns symbolhaft Gottes Zuwendung, sein Angebot, mit uns durchs Leben zu gehen, durch Dick und Dünn. Er steht uns zur Seite, er berät uns, wie der Psalm sagt; das gibt uns Sicherheit und macht uns stark. Gott weiß, wo es langgeht auf dem Weg zum Leben; wenn wir auf ihn vertrauen, kommen wir ans gute Ziel des Lebens. Gott bewahrt uns nicht vor Irrwegen und schlechten Erfahrungen. Sackgassen gehören zum Lernprozess dazu. Oft verstehen wir nicht, wozu eine schlechte Erfahrung, ein Unglück, ein kleines Malheur vielleicht gut sein sollen. 


„Wer weiß, wozu es gut ist?“ – Diese Frage ist nicht einfach rhetorisch. Sie bringt zum Ausdruck, dass, egal was uns im Leben widerfährt, es uns auf unserem Weg weiterbringen kann – wenn wir es denn so verstehen wollen und können. Egal was uns im Leben passiert – es birgt die Chance in sich, dass wir lernen und weiterkommen auf dem Weg zu einem glücklichen, gelungenen Leben. So dürfen wir denken, wenn wir auf den Gott der Bibel vertrauen.


Wie aber sollen wir auf Gott vertrauen, wenn wir ihn nicht einmal sehen, aber das viele Schlechte auf der Welt umso mehr? Das ist die berühmten Theodizeefrage, die Gretchenfrage unseres Glaubens. Wie kann Gott gut uns allmächtig sein, wenn trotzdem so viel Unglück in der Welt passiert? Oder ist das nicht gerade der Beweis dafür, dass es den guten Gott gar nicht gibt?


Liebe Gemeinde, diese Fragen begegnen mir regelmäßig bei meinen Besuchen und Gesprächen. Wir verstehen vieles nicht, wir hadern mit dem Schicksal – und mit Gott. Denn, so unsere Vorstellung, Gott hätte doch die Macht, Unglück zu verhindern und für Gerechtigkeit zu sorgen. Einfach mal die Allmacht zeigen, die er angeblich hat, und klar Schiff machen. Ja, die Bibel redet auch von Gott, der mit Macht und göttlicher Gewalt das Böse besiegt und endlich alles gut werden lässt. Diese allmächtige Befreiungsaktion ist freilich für den letzten Akt der Geschichte vorbehalten. Bis dorthin lässt Gott seine Allmacht ruhen – ein Allmachts-Moratorium sozusagen. 


Aber warum nur? Und ist das nicht billige Vertröstung? Nun, es klingt so, ja. Aber die Bibel sagt: Denkt einmal genau nach, schaut mal genauer hin: Wenn Gott seine Allmacht zeigt, wächst kein Kraut mehr, ist die Zeit unseres Lebens und der Menschheitsgeschichte vorbei. Das zeigen viele Geschichten der Bibel. Gott möchte aber, dass wir leben, hier und jetzt, und dass wir im Leben die Chance haben, Vertrauen in ihn zu entwickeln. Als mündige Menschen, ausgestattet mit einem freien Willen, stellt er uns täglich sein Angebot vor Augen, will er uns für seinen Weg, das Böse zu überwinden, gewinnen. 


Und wie stellt Gott das an, das Böse zu überwinden? Nun, er merzt das Böse gerade nicht mit Bösem aus, sondern überwindet es mit Liebe, mit nachhaltiger, göttlicher Liebe. Diese Liebe höhlt den Stein des Bösen aus, so dass es am Ende zerfließt. Jesus hat in seinen Wundern und Worten gezeigt, dass das der bessere, ja einzig mögliche Weg ist. Wer Böses mit Bösem bekämpft, macht es am Ende nur noch schlimmer. Das sehen wir heute überall – an den Kriegsschauplätzen der Welt, aber auch in der zunehmenden Polarisierung in unserem eigenen Land. Gewaltspiralen ohne Gewalt zu durchbrechen, ist freilich viel schwerer. Das erfordert Mut, einen langen Atem, Versöhnungsbereitschaft, den Verzicht darauf, zurückzuschlagen und vor allem die tiefe Überzeugung, dass das der bessere, ja wirklich der einzig mögliche Weg ist, zu einer besseren Welt zu kommen. 


Liebe Gemeinde, der Gott von Psalm 16 möchte eine bessere Welt für uns, aber er hat das in unsere Verantwortung gestellt; wir sind sozusagen seine Juniorpartner bei dieser Aufgabe – ohne oder gegen uns will er das nicht durchsetzen. Das ist dem Ende der Zeit vorbehalten. 


So ist unsere Lebenszeit eine Zeit der Verantwortung für diese Welt, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Taufe ist sozusagen der erste Schritt auf diesem Weg. Und damit wir ihn im guten Sinne gehen können, schenkt er uns in der Taufe und jeden Tag neu seinen Geist, sein Vermächtnis an uns. Gottes guter Geist lässt uns wissen, wie der Weg zum Leben aussieht, der Weg zur Überwindung von Angst, Leid und Tod. Es ist dies der Weg der Liebe. Diese Liebe bemüht sich nachhaltig um die Mitmenschen, um Deeskalation, um Dialog, um Versöhnung. Sie entspringt dem Geist der Sanftmut, des Gewaltverzichts und der Besonnenheit. Sie lässt sich nicht von der Empörokratie in den sozialen Medien mitreißen, sie widerspricht populistischen Parolen und menschenverachtender Intoleranz. Dieser Weg führt langfristig zu anhaltender Freude; allein dieser Weg kann und wird den Tod überwinden. So sagt es Psalm 16, so hat es uns Jesus vorgelebt und zahllose Menschen seither. Gott selbst begleitet und bewahrt uns auf diesem Weg. Er segnet unsere Bemühungen und gibt uns jederzeit die nötige Kraft und Orientierung dazu. Und so dürfen wir jederzeit mutig und entschlossen sein, müssen keine Angst haben und uns durch nichts erschrecken lassen; denn unser Gott ist bei uns, wohin wir auch gehen. Melinas Taufspruch aus Josua 1,9 gilt für uns alle.


Amen. 


Predigt 14. So. nach Trinitatis, 1. 9.2024, Gruiten. Text: Röm 8,14-17 / Jos 1,9 / 1 Joh 4,16b


Der Predigttext für den heutigen 14. Sonntag nach Trinitatis steht in Röm 8,14-17:

„Wer den Heiligen Geist seine Triebfeder sein lässt, ist Gottes Kind. Ihr müsst keine Angst mehr haben, denn der Heilige Geist, den ihr empfangen habt, begründet keine neue Sklaverei, sondern macht euch zu Kindern, die ´Abba, unser Vater!´ rufen können. So bescheinigt der Heilige Geist uns, genauer: unserem Innersten, dass wir Gottes Kinder sind. Als Gottes Kinder sind wir aber auch Gottes Erben, und zwar mit Christus gemeinsam. Denn wenn wir mit ihm zusammen leiden, werden wir auch mit ihm zusammen mit Herrlichkeit beschenkt.“


Jos 1,9: „Sei mutig und entschlossen! Hab keine Angst und lass dich durch nichts erschrecken; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst".


1 Joh 4,16b: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“


Liebe Festgemeinde, liebe Tauffamilien Hermann und Ostermeier, liebe Frau Hickstein,


gerade eben haben wir Taufe gefeiert. Helene und Robin sind jetzt Teil unserer Gemeinde. Darüber freuen wir uns sehr. Der erste Täufling, den wir mit Namen kennen, hieß Jesus. Jesus kam an den Jordan zu Johannes dem Täufer, um sich taufen zu lassen. Damit wollte er sagen: Ich stelle mich auf das Kommen Gottes ein, ich widme mein Leben den Menschen, die Gott am Herzen liegen – besonders den Kranken, Armen, Verachteten und Einsamen. Und da passiert es bei der Taufe Jesu, dass sich der Himmel öffnet – nicht etwa, damit es regnet, sondern um ihm, dem frisch Getauften, eine göttliche Botschaft zukommen zu lassen. Sie lautet: „Du bist mein lieber Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen!“. Und als „Grundausstattung“ für diese tolle Auszeichnung erhielt er gleich noch Gottes Geist dazu, der wie eine Taube auf ihn herunterkam und ihn sein Lebtag nicht mehr verließ.


„Wer den Heiligen Geist seine Triebfeder sein lässt, ist Gottes Kind“, schreibt Paulus in unserem Predigttext. Denn wer den Geist Gottes hat, weiß, wie Gott tickt, und tickt dann genauso. Der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Stamm. Und wer Gottes Kind ist, hat ein ganz enges, vertrautes Verhältnis zu Gott, so wie Jesus zu seinem Vater. Wir Getauften dürfen zu Gott „Papa“ sagen – auf Aramäisch heißt das „Abba“. Und dieser Papa-Gott kümmert sich um seine Menschen, denn er liebt sie so, wie ein guter Vater eben seine Kinder liebt. Ja, „Gott selbst ist Liebe“, und wer in diesem vertrauensvollen, von Liebe geprägten Kontakt zu Gott bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. So sagt es der Taufspruch von Helene. Damit ist gesagt: Mit der Taufe ist ein Anfang gemacht in ein gelingendes, von Gottvertrauen und Liebe geprägtes Leben. Auf dem Weg durch unser Leben sind wir niemals alleine. Wir müssen uns nicht sorgen oder gar Angst haben. Uns kann nichts wirklich aus der Bahn werfen, denn Gott ist bei uns, wohin wir auch gehen; so heißt es im Taufspruch von Robin, und das können uns Menschen wie Ursula Hickstein und viele andere hier sicher bestätigen. 


Schauen wir freilich dieser Tage nach Solingen, nach Thüringen und Sachsen, können uns da große Zweifel kommen. Sorge und Angst machen sich bei vielen breit. Terror auf der Straße und in den sozialen Medien nehmen zu. Gebannt warten wir auf das Ergebnis der heutigen Landtagswahlen – was werden sie bringen? Werden die Befürchtungen wahr? Von den Kriegsschauplätzen und vom Klimawandel möchte ich hier gar nicht reden. All das hat das Potenzial, uns zu verunsichern, unser Gottvertrauen zu erschüttern. Weshalb lässt Gott das alles zu? Weshalb schafft er nicht endlich Frieden, zeigt uns Menschen seine Allmacht, fährt dazwischen mit seinen himmlischen Heerscharen, auf dass endlich Gerechtigkeit und Frieden einkehren? Doch da muss ich Sie enttäuschen: Dieser unser Gott, der Papa-Gott von Römer 8, der uns seinen Geist in der Taufe schenkt, tickt so nicht. Eine solche Erwartung an Gott geht in die falsche Richtung, weil Gott dem Bösen gerade nicht mit Bösem begegnet, weil er Gewalt nicht mit seiner Allgewalt bekämpft. Diese Angst- und Gewaltstrategie ist nicht sein Ding. Sein Ding ist vielmehr der Weg des Gewaltverzichts und der Sanftmut. Das stete Wasser seiner Liebe höhlt den Stein der Gewalt aus. Das ist sein Weg. Und sein Auftrag an uns Getaufte ist es, diesem seinem Geist der Sanftmut und der Gewaltlosigkeit Auftrieb zu geben, seinem Evangelium der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, den Menschen zu zeigen, dass es auch anders geht, dass Tod und Terror nicht alternativlos sind. Gottes Alternative für die Welt heißt Liebe, Vertrauen, Versöhnung und Zuversicht. 


Liebe Gemeinde, sind das nicht tolle Aussichten? Gott hat in der Taufe Ja zu uns gesagt, uns in den Kreis seiner Kinder aufgenommen. Als Taufpräsent schenkt er uns seinen Geist – den Geist des Lebens, der Liebe und der Sanftmut. Symbolisch erinnert uns daran die Taufkerze. Gottes Heiliger Geist macht uns stark gegen Angst und Depression. Gottes Geist hilft uns, auch in brenzligen Situationen nicht in Panik zu verfallen, sondern einen kühlen Kopf zu behalten. Gottes Geist kann aber noch viel mehr, wie wir an den Taten Jesu ablesen können: Er kann Krankheiten heilen, Barrieren zwischen Menschen einreißen, Versöhnung schaffen. Gottes Geist macht Hoffnung, wo es eigentlich nichts mehr zu hoffen gibt. Ja, dieser Geist des Lebens und der Liebe ist am Ende sogar stärker als der Tod. Denn in der Taufe knüpft Gott ein unsichtbares Band mit uns, so dass uns nichts von ihm und seiner Liebe trennen kann. Er hält uns fest, er begleitet uns durch Dick und Dünn, er trägt uns durch Höhen und Tiefen unseres Lebens, er schenkt uns immer neue Kraft auf unserm Lebensweg und er führt uns irgendwann zum großen Ziel, zur herrlichen Fülle des Lebens.


Amen. 


Predigt 9. So. nach Trinitatis, 28. 7.2024, Gruiten. Text: Mt 13,44-46


„Die Herrschaft Gottes ist wie ein Schatz, der in einem Acker vergraben war. Einer fand den Schatz, doch er vergrub ihn gleich wieder. Voller Freude verkaufte er all seinen Besitz und erwarb mit dem Erlös den Acker. Und weiter: Mit der Herrschaft Gottes ist es auch wie in der folgenden Geschichte: Ein Händler war auf der Suche nach schönen Perlen. Da fand er eine ganz besondere Perle. Er verkaufte all seinen Besitz und erwarb die Perle.“


Liebe Gemeinde,


dieses Gleichnis Jesu erinnert mich an eine Erfahrung, die ich während meiner Zeit als Student und Professor in den Uni-Bibliotheken des Öfteren machen musste: Ich suchte ein Buch, das ich dringend für irgendeine Hausarbeit oder für eine Lehrveranstaltung brauchte. Das Buch stand jedoch nicht an seinem Platz – es war offensichtlich ausgeliehen. Also fragte ich bei der Ausgabestelle nach, bis wann es denn verliehen sei. Zu meiner Verblüffung bekam ich zur Antwort: „Das Buch ist gar nicht verliehen!“ Wie jetzt – nicht verliehen und trotzdem nicht an seinem Standort? Dann war es möglicherweise gestohlen von irgendeinem Idioten! Wochen später erhielt ich eine Nachricht von der Ausgabestelle: „Das Buch hat sich gefunden, es war an einem ganz anderen Ort platziert und wurde jetzt zufällig wiederentdeckt!“ Es war also nicht geklaut, sondern sorgfältig versteckt worden – wohl um sich diesen Bücherschatz zu sichern. Eine perfide Methode, nicht wahr? In irgendwelchen Klamottengeschäften soll es bisweilen ähnlich zugehen – die begehrte Jacke oder Hose wird irgendwo zwischengelagert, wo es niemand vermutet, um sie nach ausgiebiger Shoppingtour gegebenenfalls dort herausziehen und kaufen zu können. Das ist genauso perfide, insbesondere dann, wenn das gute Stück am Ende doch nicht gekauft, aber auch nicht an seinen eigentlichen Ständer zurückgehängt wird.


Ja, liebe Gemeinde, so geht das mitunter, so sind wir Schnäppchenjäger schon mal drauf, nicht wahr? Sichten, bunkern, sichern, zuschlagen. Ganz so wie in unserem Doppelgleichnis von Schatz und Perle. Einer entdeckt zufällig einen Schatz im Acker und buddelt ihn gleich wieder ein, so dass ihn kein anderer entdecken kann. Die Anderen haben das Nachsehen, der Schatzgräber verkauft voller Vorfreude auf den Schatz alles, was er hat. Und dann kauft er den Acker, auf dem er den Schatz entdeckt hat – sehr clever! Zugegeben: Mir als Landwirt wäre es recht seltsam vorgekommen, dass da jemand unbedingt und vielleicht zu einem überhöhten Preis den Acker kaufen möchte. Vielleicht wäre ich sogar misstrauisch geworden und hätte den Acker selber erst mal genauer inspiziert, wer weiß? Aber vielleicht wäre ich auch knapp bei Kasse gewesen und heilfroh, das dürre Stück Land zu einem guten Preis loszuwerden. 


Wie dem auch sei – all das interessiert im Gleichnis nicht. Das Ergebnis für den Schatzgräber zählt. Und die raffinierte Methode, sich den Schatz zu sichern. Ähnlich beim Schmuckhändler, der den Wert der einen Perle erkennt und alles investiert, um sie sich zu sichern. Da sind Experten am Werk, Leute, die sich auskennen, Fachleute, die mit einem Blick sehen, wie wertvoll so ein Schatz oder so eine Perle ist. Und die genau wissen, wie sie vorgehen müssen, um sich das Objekt der Begierde zu sichern. Moral spielt da keine Rolle. Diese Menschen behalten ihr Wissen für sich, gefährden nicht die gute Gelegenheit durch unvorsichtiges Prahlen oder so. Nur sie allein wissen, worum es eigentlich geht. Wie die ganz Schlauen, die auf Ebay ein Schnäppchen wittern und bis zur letzten Minute warten, um ihr Gebot abzugeben – drei, zwei, eins – meins! Wer zu früh bietet, wird überboten, oder: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!


Liebe Gemeinde, warum erzählt Jesus solche Stories von schlauen, ja skrupellosen und raffiniert vorgehenden Menschen? Er bewertet nicht, er missbilligt solches Verhalten nicht – er stellt nur fest, dass es so in der Welt zugeht. Und dass diese Leute am Ende Erfolg haben. Nur wer so raffiniert und zielsicher zur Sache geht, nur für den, der für diesen Schatz alles zu investieren bereit ist, sichert sich den größten Schatz überhaupt – das Reich Gottes! Alles auf eine Karte! lautet die Devise, die hier angesagt ist. Oder: Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, hat schon verloren. Wer den Wert des Reiches Gottes für sich entdeckt, investiert zielgenau sein Leben, um sich das Himmelreich zu sichern.


Bleibt nur die Frage, was das Reich Gottes eigentlich ist. Annähernd vergleichbar ist es mit dem Liebsten, was wir im Leben haben oder gerne hätten: die große Liebe, das geliebte Haustier, der Job des Lebens, die Rettung aus einer aussichtslosen Lage vielleicht. Alles Dinge, für die wir alles investieren würden – das letzte Hemd, den letztmöglichen Kredit für die rettende Therapie; oder auch alles, was man hat, um der geliebten Person seine Liebe zu beweisen. Oder aber die gesamte Freizeit, um ans Ziel der Karriereträume zu gelangen. Und so weiter …


Das Reich oder die Herrschaft Gottes, das Himmelreich ist für Jesus das ultimative Objekt der Begierde. Das, wofür es sich lohnt, alles zu investieren. Was aber macht das Himmelreich so wertvoll? Das zu vermitteln, ist in Zeiten des Wohlstands und des Überflusses schwer zu vermitteln. Da hatte es Jesus leichter bei den meist armen Schluckern, zu denen er sprach. Für sie war das Himmelreich der Sehnsuchtsort schlechthin. Der Ort, an dem es kein soziales Elend, kein Unrecht, kein Krieg und keine Krankheit gibt. Der Ort, wo alle, auch die Allerletzten, zu ihrem Recht kommen. Der Ort, wo sich alle Menschen wohlgesonnen, friedlich und wertschätzend begegnen. Der Ort der ultimativen Liebe ohne Angst, der Freude ohne Reue, des Friedens ohne Verlierer. 


So ähnlich ist die Vision Jesu von Gottes Herrschaft für uns Menschen: der ultimative Wohlfühlort für alle, das Paradies, in dem es absolut friedlich, fröhlich und gerecht zugeht. Der Sehnsuchtsort, den wir uns alle wünschen. Schier utopisch erscheint uns diese Vision. Aber Jesus setzt Zeichen, die zeigen, dass das keine Utopie ist: Er kümmert sich um die Kranken, lebt Barmherzigkeit vor, integriert die Abgehängten der Gesellschaft, erzählt tolle Gleichnisse über diesen Sehnsuchtsort, öffnet damit Fenster zum Himmel. In Jesu Wirken wird Gottes Herrschaft sichtbar, wird erkennbar, was Gott Gutes mit uns vorhat. Und daraus erwächst die Hoffnung, dass wir dereinst an diesen Sehnsuchtsort gelangen werden – wenn wir denn diesem Ziel die höchste Priorität einräumen in unserem Leben. Zum Beispiel, indem wir als Gemeinde so leben und miteinander umgehen, dass von Gottes neuer Welt schon hier und heute etwas sichtbar wird und die Menschen daraufhin neue Hoffnung schöpfen. Das wäre eine super Investition, nachhaltig und zukunftssicher.


Amen.


Predigt 7. So. nach Trinitatis, 14. 7.2024, Gruiten. Text: Ex 16,2f.11-18


Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. 3 Und die Israeliten sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. 4 Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich’s prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht. 5 Am sechsten Tage aber wird’s geschehen, wenn sie zubereiten, was sie einbringen, dass es doppelt so viel sein wird, wie sie sonst täglich sammeln. 6 Mose und Aaron sprachen zu ganz Israel: Am Abend sollt ihr innewerden, dass euch der HERR aus Ägyptenland geführt hat, 7 und am Morgen werdet ihr des HERRN Herrlichkeit sehen, denn er hat euer Murren wider den HERRN gehört. Was sind wir, dass ihr wider uns murrt? 8 Weiter sprach Mose: Der HERR wird euch am Abend Fleisch zu essen geben und am Morgen Brot die Fülle, weil der HERR euer Murren gehört hat, womit ihr wider ihn gemurrt habt. Denn was sind wir? Euer Murren ist nicht wider uns, sondern wider den HERRN. 9 Und Mose sprach zu Aaron: Sage der ganzen Gemeinde der Israeliten: Kommt herbei vor den HERRN, denn er hat euer Murren gehört. 10 Und als Aaron noch redete zu der ganzen Gemeinde der Israeliten, wandten sie sich zur Wüste hin, und siehe, die Herrlichkeit des HERRN erschien in der Wolke. 11 Und der HERR sprach zu Mose: 12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. 13 Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. 14 Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. 15 Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu?[1] Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. 16 Das ist’s aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, so viel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. 17 Und die Israeliten taten’s und sammelten, einer viel, der andere wenig. 18 Aber als man’s nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, so viel er zum Essen brauchte.“


Liebe Familie Burns, liebe Gemeinde,


„zurück zu den sprichwörtlichen Fleischtöpfen Ägyptens“ – die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ ist dem Volk Israel abzuspüren. Schon zweieinhalb Monate wandert das Volk durch die Wüste. Die aus Ägypten mitgenommenen Vorräte sind längst aufgebraucht, das öde Land auf der Sinai-Halbinsel gibt nicht viel Nahrhaftes her. Die Euphorie des Schilfmeer-Wunders ist verpufft; Unmut macht sich breit. Die Schuldigen für das Schlamassel sind schnell gefunden: Mose und sein Bruder Aaron. Sie haben das Volk nicht etwa aus der Unterdrückung in Ägypten befreit – nein, sie haben es von den berühmten Fleischtöpfen Ägyptens abgeschnitten.


Nicht wahr, im Rückblick verklärt sich die Vergangenheit, der Blick fokussiert sich auf das Negative, nach dem Motto: „Früher war alles besser“, oder „Die heutige Jugend taugt nichts“ oder „Das Heute ist nicht mehr meine Welt.“ Manche schließen daraus: Man muss mit der ZEIT gehen, andere jedoch: Man muss mit der Zeit GEHEN. Durststrecken haben es in sich, sie lösen den Impuls aus, wieder zurück zu wollen in die Zeit, als die Welt noch in Ordnung schien. Der Blick nach vorn macht eher Angst, ein Licht am Ende des Tunnels ist nicht absehbar. Hätte das Volk Israel gewusst, dass es noch fast vierzig Jahre Wüstenwanderung vor sich hat, wäre es wahrscheinlich stante pede umgekehrt – lieber in die verdrängte Schuldknechtschaft als weiterhin im Hunger leben, ohne Perspektive.


Der sehnsüchtige Blick zurück ist ein biblisches Dauerthema. Angefangen bei Adam und Eva, die sich zurück ins Paradies sehnen. Doch die Tür ist verschlossen und wird von einem Engel bewacht. Ein Zurück gibt es nicht. Oder denken Sie an Lots Frau, die der Blick zurück auf Sodom, die alte Heimat, zur Salzsäule erstarren lässt – unbeweglich, unfähig, weiter nach vorne zu gehen. Oder erinnern Sie sich an die Jünger von Emmaus, die vor lauter Blick zurück auf Karfreitag nicht merken, dass Jesus, der Auferstandene, sie begleitet und ihnen den Weg in die Zukunft eröffnet. Schließlich fallen noch die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu ein, die wie erstarrt in den Himmel schauen, anstatt sich auf den Weg zu ihren neuen Aufgaben zu machen. 


Durststrecken sind ebenfalls ein Dauerthema der Bibel. Von der sechsmonatigen Sintflut und den vierzigjährigen Durchzug Israels durch die Wüste, über Jesus, der vierzig Tage in der Wüste ausharrt, bevor er Satan begegnet, bis hin zu den Jüngern, die angstvoll auf die Zeit der Trennung von Jesus schauen und seine Wiederkunft herbeisehnen. 


Was lehren uns all diese Geschichten? Dreierlei: Erstens, der sehnsüchtige Blick zurück lähmt und macht mutlos. Zweitens: Durchstrecken sind anstrengend, sind aber irgendwann vorbei und enden in etwas Gutem: So landet das Volk Israel schließlich im gelobten Land, Jesus überwindet Satan, die Jünger finden ihre Aufgabe in der Mission und erkennen, dass sie nicht alleine auf dem Weg sind. Drittens, die Geschichte Gottes mit uns Menschen geht immer in Richtung Zukunft – eine verheißungsvolle Zukunft, die es allerdings nicht zum Nulltarif gibt – genauso wenig wie beruflicher Erfolg oder die Story einer gelingenden Partnerschaft – all das erfordert die Bereitschaft zum Verzicht, erfordert Ausdauer und einen langen Atem. Selbst den Beatles und Tylor Swift ist der Erfolg nicht in den Schoß gefallen. Durststrecken gehören zum Leben dazu, auch wenn uns der tägliche Überfluss etwas anderes vorgaukelt. „Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück. ist nicht geschickt zum Reich Gottes“, heißt es einmal von Jesus. Das Alte loslassen, Veränderungen zulassen und sich auf das Neue einlassen, darin besteht das Erfolgsrezept.


Und das Beste daran ist: Wir sind nicht alleine auf unserem Weg! Als Gemeinde schauen wir auf dasselbe Ziel, durchleben wir Durststrecken gemeinsam, leben wir aus derselben Verheißung. Der Weg auch unserer Gemeinde steht unter einem guten Stern, auch wenn die gute alte Zeit von vor der Fusion noch so verklärt herüberscheint. Und als Gemeinde sind wir in etwa so wie die Emmausjünger: Wir merken oft gar nicht, dass wir begleitet und behütet sind. Gott lässt uns nicht im Niemandsland zwischen Fangmeier und der ersehnten, glücklichen Zukunft verhungern!


Unser Predigttext hat dafür ein schönes Bild: Das unmutige, hungernde Volk erhält ab sofort täglich eine ausreichende Ration an Wachteln und Manna (apropos: Manna wird mit leckeren Sesamsemmeln verglichen, täglich frisch serviert). Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Horten und Hamstern ist unnötig, denn der Weg geht weiter, jeden Tag ein Schritt, keine Zeit für Stillstand. Die Erzählung vom wandernden Gottesvolk macht Mut, sie zeigt, wie fürsorglich Gott ist, und dass ihm die Not seiner Menschen nicht egal ist. 


„Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“. Der Taufspruch von Hailey Burns bringt das wunderbar auf den Punkt. Gott bewahrt uns nicht davor, immer weitergehen zu müssen in unserem Leben. Auch nicht vor Durststrecken, auch nicht davor, lieb Gewonnenes manchmal aufgeben zu müssen, um weiterzukommen. Er bewahrt uns nicht vor der Zumutung, sich auf Neues einstellen zu müssen oder zeitweise kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Aber der fürsorgliche Gott der Bibel bietet uns seine Begleitung an. Und er hat sich längst festgelegt auf eine gute Zukunft für Hailey und für uns alle. Er möchte uns in ein gutes, volles Leben führen, in eine gute NEUE Zeit, die uns die Fleischtöpfe Ägyptens vergessen lassen. Lassen wir uns darauf ein, gehen wir im Vertrauen auf den fürsorglichen Gott unseren Weg, dann kann uns keine Durststrecke dieser Welt mehr Sorge bereiten.


Amen.


Am 30.6.2024 gab es in unserer Gemeinde 2 Gottesdienste.

Reisesegen-Gottesdienst in der Kirche Gruiten am 30.6.2024 mit Pastor Kurt Erlemann


Predigt 5. So. nach Trinitatis, 30. 6.2024, Gruiten. Text: Apg 18,9b-10a


„Fürchte dich nicht, rede und schweige nicht. Ich bin mit dir, niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.“ (Apg 18,9b-10a)


[Einspieler: Andreas Gabalier, A Meinung haben - hier findet sich der Text: andreas gabalier a meinung haben songtext]


Liebe Familie Kxxxx, liebe Gemeinde,

„A Meinung haben, dahintersteh´n, die Welt mit eig´nen Augen seh´n, nicht glauben, was die Leut so reden. A Meinung haben, dahintersteh´n, wenn´s sein muss, ganz allein da oben steh´n.“ Der eindringliche Appell von Andreas Gabalier, für die Demokratie einzustehen, gewinnt täglich mehr an Aktualität. Wer Minderheiten von rechts und links die Meinungshoheit überlässt, anstatt selbst den Mund aufzutun, trägt dazu bei, totalitären Regimes den Boden zu bereiten – auch hier bei uns. Dabei hilft es nicht, nur eine Meinung zu haben. Dahinterstehen und für sie einzutreten, ist schon etwas anderes. Das erfordert Zivilcourage. Gott sei Dank sind viele Menschen in den letzten Monaten aufgewacht und auf die Straße gegangen, um für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Möge es am Ende reichen!


Zivilcourage – das fängt dort an, wo man nicht alles, was in den sozialen Medien aufploppt und für Empörung sorgt, nachplappert. Wir haben das Recht, ja die Pflicht, die Welt mit eig´nen Augen zu seh´n, nicht zu glauben, was die Leut so reden, um Andreas Gabalier weiter zu zitieren. Sich selbst schlau machen, gegen alle Verschwörungsmythen, gegen alle Empörokratie Sachlichkeit einzufordern, erfordert auch Zivilcourage. Dies zu tun und damit zu vermitteln und zu versöhnen, wo es möglich ist, ist wahrhaftig nicht leicht; wir sehen es gerade im Nahen Osten tagtäglich. Wer Frieden stiften will, gerät ins Fadenkreuz derer, die die Welt mit Gewalt in ihrem Sinn umgestalten möchten. 


Zivilcourage – das ist ein wichtiges, ein uraltes Stichwort, und war schon zur Zeit des Lukas aktuell. „Fürchte dich nicht, rede und schweige nicht.“ heißt es im Taufspruch von Olivia Kaiser. Der von Gott so Angesprochene ist kein Geringerer als der Apostel Paulus. Er hält sich gerade in Korinth auf und bringt das Evangelium mit einigem Erfolg unter die Leute. Selbst einen Synagogenvorsteher kann er zum Christusglauben bekehren. So viel Erfolg ruft freilich erheblichen Widerstand auf den Plan. Nicht nur einmal muss Paulus um sein Leben fürchten. Die Versuchung, den Mund zu halten, die eigene Meinung zu verbergen, ist groß. Wer könnte es ihm verdenken? Doch dann kommt das Wort von oben: „Fürchte dich nicht, rede und schweige nicht!“ Leichter gesagt, als getan – „fürchte dich nicht!“ Oder? 


Zivilcourage – für Andreas Gabalier bedeutet das in der Konsequenz, gegebenenfalls „ganz allein da oben zu stehen“, auf der Rednerbühne, die schnell zum Pranger werden kann. Doch hier widerspricht Olivias Taufspruch vehement: Wir sind nicht allein, wenn wir uns für die Sache Gottes einsetzen. „Ich bin mit dir“, heißt es im zweiten Halbsatz, „niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden.“ Ein altes Kirchenlied von Paul Gerhardt greift das auf: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich! So oft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?“ (EG 351) 


Im Vertrauen auf Gott lässt sich Zivilcourage leben. Er schenkt uns das richtige Wort zur rechten Zeit. Er verheißt uns Erfolg bei unseren Anstrengungen. Gott ist mit denen, die ihre Meinung sagen, auch gegen Widerstand. Wer sich an Menschen vergreift, die sich für das Recht auf Leben, Frieden und Freiheit einsetzen, bekommt es mit Gott selbst zu tun. Gott steht hinter seinen Menschen, er sorgt für sie und schenkt ihnen Erfolg. Damit sind wir nicht vor Nachstellungen gefeit. Wir dürfen aber gewiss sein, dass Gott an unserer Seite steht und uns Gehör und Gerechtigkeit verschafft. 


Liebe Gemeinde, „an Gottes Segen ist alles gelegen“, heißt eine biblische Weisheit. Egal, was wir anpacken, egal, welche Aufgabe wir uns vornehmen. Wenn etwas im Sinne Gottes ist, wenn es dem Leben und einem gedeihlichen Miteinander dient, dann dürfen wir uns des göttlichen Segens gewiss sein. Wenn wir auf den Straßen unseres Lebens unterwegs sind, im Alltag oder im Urlaub, dürfen wir ebenfalls um Gottes Segen bitten – darum, dass er uns behütet und begleitet, darum, dass er uns immer wieder aufrichtet, Kraft schenkt, darum, dass wir das Ziel unserer Fahrt und am Ende das große Ziel des Lebens erreichen. Er hat uns und allen Menschen guten Willens ein Leben in Fülle zugesagt. Diese Erfahrung wünschen wir der kleinen Olivia, diese Gewissheit wünsche ich uns allen. 


Amen.


Gottesdienst am 30.6.2024 in der Kirche Schöller mit Pastor Kurt Erlemann


Predigt 5. So. nach Trinitatis, 30. 6.2024, Schöller. Text: 2 Kor 11,18; 12,1-10


„Weil viele Leute sich nach Menschenart selbst rühmen, will ich das auch einmal tun. Es kann einmal nötig sein, sich selbst zu rühmen – ob es auch förderlich ist, das steht freilich auf einem anderen Blatt. Zum Schluss möchte ich jetzt über Visionen und Offenbarungen des Herrn sprechen. Ich kenne einen Christen, der – vierzehn Jahre ist es her – bis zum dritten Himmel entrückt wurde. Ich weiß nicht, ob es eine Entrückung des ganzen Leibes war oder ob ich meinen Leib verlassen hatte, das weiß Gott allein. Und ich weiß von demselben Christen, dass er in gleicher Weise, über die allein Gott Näheres weiß, ins Paradies entrückt wurde und dort Worte hörte, die man mit menschlicher Sprache nicht wiedergeben kann. Diesen Menschen kann ich rühmen, aber das bin nicht ich. Bei mir selber kann ich nur auf meine kranken und schwachen Seiten hinweisen. Doch wollte ich mich selbst rühmen, so wäre das keine Narrheit. Denn ich sage die Wahrheit. Ich möchte aber verhindern, dass einer Dinge von mir annimmt, die über das hinausgehen, was man sehen oder von mir selber hören kann. Das betrifft auch das Übermaß an Offenbarungen. Damit ich mich nicht allzu überheblich aufführe, wurde mir als Stachel im Fleisch ein körperliches Leiden, ein Engel Satans, mitgegeben, der mich schlagen soll, wenn ich übermütig werde. Schon dreimal habe ich den Herrn gebeten, der Engel Satans solle doch bitte von mir weggehen. Der Herr antwortete mir: ´Nein. Dass du meine Gnade hast, muss dir genügen.´ Denn Gottes Kraft kommt da zur vollen Wirkung, wo Menschen schwach und krank sind. Am liebsten streiche ich meine Schwächen und Krankheiten heraus, weil ich so hoffen kann, dass Christus seine Kraft in mir wohnen und wirken lässt. Deswegen freue ich mich über Krankheiten und Misshandlungen, über Drangsal und Verfolgung, über jegliche Notlage, wenn ich sie für Christus erleiden muss. Denn wenn ich schwach bin, gibt er mir Kraft.“


Liebe Schölleraner, liebe Gemeinde,


„himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt.“ So beschreiben wir den abrupten Wechsel zwischen extremen Gefühlslagen. Besonders Menschen mit bipolarer Störung, Manisch-Depressive, leiden darunter und mit ihnen ihre Mitmenschen und Angehörigen. Die Übergänge sind abrupt, oft nicht vorhersehbar, und für alle Beteiligten ist dieses Wechselbad der Gefühle anstrengend, wenn nicht sogar Angst einflößend. „Himmelhoch jauchzend“; so konnte sich auch der Apostel Paulus im Rückblick auf seine Entrückung ins Paradies, in den dritten Himmel erleben (den 7. Himmel gab´s damals noch nicht). Diese Erfahrung verschlug ihm schier die Sprache, sie überstieg sein Fassungs- und sein Ausdrucksvermögen. Was er dort sah und hörte, löste bei ihm Ekstase, Begeisterung aus und schrie nach Weitersagen, nach Herausschreien der paradiesischen Vision. Ist es nicht so? Wer den Himmel auf Erden erlebt, für wen sich der Himmel auftut und für wen er vielleicht voller Geigen hängt, dem gehen schnell das Herz und der Mund über, der fängt an zu schwärmen, weil er sein Glück nicht fassen kann, weil er mit so viel Endorphinen nicht zurechtkommt. Himmlisches Glück ist unaussprechlich, lässt sich nicht in Worte fassen, und doch möchte man es herausschreien, die Mitmenschen mit der eigenen Begeisterung anstecken, überzeugen, mitreißen. 


Allerdings: Wer sich auf eine solche Weise outet, erntet häufig Skepsis, ungläubige Blicke, erlebt vielleicht sogar Anfeindung und Ausgrenzung. Wer sich aus dem normalen Mittelmaß hinausbewegt, erhebt sich unwissentlich vielleicht über die Anderen, ohne es zu merken, und kommt überheblich, arrogant daher. Wer von seiner eben entdeckten großen Liebe schwärmt, wird bestenfalls belächelt, beschwört warnende Zeigefinger heraus, die einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen wollen. Wer wie Paulus gar von überirdischen Visionen erzählt, kommt schnell in den Verdacht, nicht mehr ganz zurechnungsfähig zu sein. Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, meinte schon Altkanzler Helmut Schmidt. Oder er wird in eine Zwangsjacke gesteckt, unter Beruhigungsmittel gesetzt, sediert, und so zum Schweigen gebracht. Auf himmelhoch jauchzend folgt dann unweigerlich zu Tode betrübt.


Paulus hätte allen Grund gehabt, mit seinen himmlischen Erfahrungen hausieren zu gehen. Es hätte – wenn man ihn nicht gleich aus dem Verkehr gezogen hätte – seinen Stand als Apostel deutlich gestärkt. War er doch rein äußerlich gesehen ein mickerlicher Kümmerling. Er beschreibt sich selbst als schwächlich, armselig und gebrechlich – nicht gerade das Bild eines gestandenen Gemeindeleiters mit Ausstrahlung. Und dementsprechend war seine Position als nachgeborener Apostel auch heftig umstritten. Aber wie gesagt: Die Wirkung eines solchen Outings hätte auch voll danebengehen können. Eigenlob stinkt ja bekanntlich, und wenn dann Gott noch ins Spiel gebracht wird, wird daraus leicht ein Blasphemievorwurf, der Vorwurf der Gotteslästerung. 


Und so tut sich Paulus sichtlich schwer, sich als Ausnahmeapostel mit himmlischen Visionen und Offenbarungen zu präsentieren. Es ist nicht sein Naturell zu strunzen mit alledem, Eindruck zu schinden mit derlei entrückten, entrückenden Erfahrungen. Und so tut er es indirekt, spricht in der dritten Person von einem einstmals entrückten Menschen, rühmt eher Jesus Christus und seine Gnade als sich selbst. 


So entgeht Paulus geschickt dem Schema „himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“. Er flippt nicht aus und hebt nicht ab. Eher bleibt er im wörtlichen Sinne bodenständig. Er bleibt auf dem Boden, er erliegt nicht der Versuchung, aus sich selbst eine Legende zu machen. Aber er fällt auch nicht in Verzweiflung angesichts seiner körperlichen Schwächen und Gebrechen. Diese andere Seite seiner Gefühlswelt hat er genauso im Griff – im Predigttext jedenfalls; in anderen Texten zeigt sich Paulus durchaus zu Tode betrübt. Doch hier, in 2. Kor 12, präsentiert er sich weder arrogant noch larmoyant. Denn er hat erfahren, was ihn trägt, was ihn die Balance halten lässt: Einerseits, gegen die Gefahr des Abhebens wird er durch sein körperliches Leiden auf dem Boden gehalten. Andererseits macht er die Erfahrung, dass seine Schwäche zugleich seine Stärke ist, dass ihn das Leiden nicht niederdrückt, sondern stark macht. 


Liebe Gemeinde, eine solch paradoxe Erfahrung können wir auch machen: Wenn wir zu unseren Schwächen stehen, finden wir Sympathie und Unterstützung bei unseren Mitmenschen – anders, als wenn wir abgehoben den Macker heraushängen lassen oder ganz cool unsere Unsicherheit überspielen. „Gottes Kraft ist im Schwachen mächtig“, sagt Paulus und bringt damit diese paradoxe Erfahrung auf den Punkt. Wer nicht krampfhaft versucht, Stärke zu zeigen, wer seine Schwäche nicht mit Coolness überspielt, sondern sie zulässt und zeigt, der gewinnt an Selbstsicherheit, Glaubwürdigkeit und Sympathie. Gott wendet sich denen zu, die schwach sind und sich ihre Schwäche eingestehen, die Fehler machen und sie zugeben; die leiden und ihr Leiden annehmen. Die auf den Gott vertrauen, der selbst auch nicht den Allmächtigen heraushängen lässt, sondern sich zu uns herunterbegibt, sich unseretwegen klein macht, um uns zu stärken und groß zu machen. Gott verschont uns nicht vor Schwachheit und Leiden, aber er begleitet uns und schenkt uns Kraft. Gott wendet sich den Kranken und Schwachen zu. Die Starken und Gesunden brauchen ihn wohl weniger. Doch – sollten Sie sich in schweren Zeiten Ihres Lebens einmal alleine gelassen fühlen, dann seien Sie an das Gedicht von den Fußspuren im Sand erinnert: 


Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn.


Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.


Besorgt fragte ich den Herrn: "Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?"


Da antwortete er: "Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen."



Liebe Gemeinde, gehen Sie Ihren Weg in dieser Gewissheit. Lassen Sie sich von dieser Kraftquelle beschenken, laden Sie ihren Lebensakku an der himmlischen Ladestation auf, lassen Sie sich an Gottes Zuwendung, an seiner Gnade genügen, denn seine Kraft ist gerade im Schwachen mächtig.


Amen.



Predigt 1. So. nach Trinitatis, 2. 6.2024, Schöller & Gruiten. Text: Jer 23,16-29, von Pastor Kurt Erlemann


Wider die falschen Propheten


So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch ko men. Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?


Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden

hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.


Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der Herr.


Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein

Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?


Liebe Gemeinde,


was für ein befremdender Predigttext! Nicht nur die Sprache ist weithin fremd, auch das Gottesbild ist befremdend: Gott ist nicht nur ein naher Gott, heißt es da, sondern auch ein ferner Gott. Seine Worte sind nicht nur Evangelium und Gnade, sondern auch verzehrendes Feuer und ein alles vernichtender Hammer. Alles sehr befremdlich! Doch dazu später.


Im Text drumherum geht es um die Unterscheidung zwischen dem, was trägt, und dem, was trügt, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen glaubwürdiger Prophetie und Schönwetterprophetie. Dieses Thema ist ein historischer Dauerbrenner. Schon der Prophet Jeremia hatte damit zu tun. Die Schönwetterpropheten tun alles, um das exilierte Volk in Babylon vom Gott Israels abzubringen. Sie schreiten

nicht ein, wenn die Menschen Böses tun, das Gebot der Nächstenliebe missachten und die Schwachen niederdrücken – so wie im Lesungstext von eben.


Heute ist die Unterscheidung zwischen dem, was trägt, und dem, was trügt, aktueller denn je: Im Zeitalter der sozialen Medien, der Online-Propaganda von rechts und links, der Fake News und des globalen Populismus stehen auch wir hier in Schöller und in Gruiten täglich vor der Frage: Was ist seriöse, verlässliche Nachricht und was ist Fake News? Was ist Wahrheit, die trägt, was ist Falschmeldung, die

trügt? Das herauszufinden, ist weiß Gott nicht einfach. Wir werden tagtäglich zugemüllt von tausend Meldungen aus allen Richtungen – doch welche davon sind verlässlich? Nicht einmal Fotos und Videos sind mehr vor perfider Fälschung gefeit. Verstorbene Musiker singen quasi aus dem Jenseits neue Lieder. Komplette Bücher werden mittels Knopfdruck von Künstlicher Intelligenz geschrieben. Ja, die

schöne, neue Welt von Aldous Huxley hat längst in unseren Alltag Einzug gehalten und übertrifft die kühnsten Erwartungen noch bei weitem. Mahnende Stimmen, was den Umgang mit der Natur oder mit den Schwachen auf der Welt anbelangt, gibt es zwar, werden aber auch nach Kräften ignoriert – wenn die Probleme nicht sogar von Populisten geleugnet werden. Und es tut ja auch gut, mal zwi-

schendurch wieder zu hören, dass alles so bleiben kann, wie es ist, oder?


Wie also lassen sich verlässliche, authentische, glaubwürdige Informationen von künstlichen, gefakten unterscheiden? Woran erkennen wir, was trägt und was trügt?


Einige Beispiele mögen uns den Blick schärfen: Beim Regierungsantritt der Ampelkoalition 2021 ging eine Meldung viral: Die Grünen wollten alle Haustiere verbieten, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Was für ein Aufreger! Obwohl an der Meldung nichts Wahres dran war, ging die Empörungswelle wie ein Tsunami durch die Reihen der Hunde- und Katzenbesitzer, schwappte auf die Grünen zurück und

festigte ihren Ruf als Verbotsparte. Woran war die Falschmeldung zu erkennen? Der reißerische Text sollte maximale Empörung auslösen. Bei solchen Texten lohnt es sich nachzuhaken und nach den Informationsquellen zu fragen. So lassen sich viele solche Fake News enttarnen.


Ein zweites Beispiel, jüngst beim Frauenfrühstück im Elisabeth-Strub-Haus zum Thema gemacht: Der so genannte Enkeltrick. Er funktioniert erschreckend gut. Warum? Weil die Falschnachricht täuschend echt erscheint, Panik auslöst und schnelles, unbedachtes Handeln provoziert. Keine Zeit zum Nachdenken, fix das Geld überweisen – schon ist die Falle zugeschnappt. Das heißt: Meldungen, die in Angst und Panik versetzen, ist ebenfalls nicht zu trauen. Sie tragen nicht, sie trügen. Das ist wie bei der Schnäppchenjagd im Internet, wo einem weisgemacht wird, das sei die eine gute Gelegenheit, das Objekt der Begierde günstig zu erwerben. Zwei, drei Klicks, und schon ist man sein Geld los. Geschickte Manipulation, und unser Jagdinstinkt wird uns zum Verhängnis.


Ein drittes Beispiel führt uns näher an den Predigttext heran: Viele Meldungen gaukeln uns rasche, einfache Lösungen für alle möglichen Probleme vor. Sei es, dass man uns eine super Rendite für eine fragwürdige Geldanlage verspricht, sei es, dass sich globale Probleme wie Klima oder Migration angeblich ganz leicht lösen lassen. In solchen Fällen sollte uns der gesunde Menschenverstand äußerst skeptisch

stimmen. Weshalb aber fallen wir trotzdem immer wieder auf derlei Falschmeldungen herein? Weil sie auf uns maßgeschneidert sind, weil sie bei uns auf den richtigen Knopf drücken, weil wir  bequem und denkfaul sind und weil wir einfache Lösungen immer attraktiv finden. Es auszuhalten, dass die Wirklichkeit kompliziert ist und gut Ding Weile braucht, ist nicht gerade unsere Stärke. Und so sind

wir erleichtert, wenn jemand für uns das Denken übernimmt und uns die Vision eines problembefrei-

ten Lebens verspricht.


Das, liebe Gemeinde, ist heute nicht anders als vor 90 Jahren oder zur Zeit des Propheten Jeremia. Womit wir beim Predigttext wären. Das in Babylon seit Jahrzehnten festsitzende Volk Israel hatte seine prekäre Lage satt und sog die Vision einer schnellen Rückkehr ins gelobte Land wie ein trockener Schwamm auf. Das Schuldgefasel der anderen Propheten konnten oder wollten sie nicht mehr hören. Moralapostel hatten einen schweren Stand. Lange genug mussten die Menschen Einschränkungen in Kauf nehmen. Sie wollten endlich wieder richtig leben und nicht mit Moral zugemüllt werden. Und sie wollten endlich wieder nach Hause! Und so fiel die Vision der Schönwetterpropheten bei ihnen auf fruchtbaren Boden. Die anderen Propheten mit ihrem Ruf nach Umkehr und Geduld waren abgemeldet, sie wurden gemobbt und angefeindet. So wie heute Stimmen, die angesichts der drängenden Probleme Geduld und einen kühlen Kopf anmahnen, sich gegen Populisten und Aktionisten schwertun.


Und mitten in diese Stimmung hinein verkündigt Jeremia den Gott, der nicht nur nahe, sondern auch fern ist, dessen Wort nicht nur Trost und Leben, sondern zerstörendes Feuer und vernichtender Hammer sein kann. Warum? Was meint Jeremia mit diesem befremdlichen Gottesbild? Nun, es zeigt, dass wir Gott nicht für unsere Zwecke vereinnahmen können. Und wenn Gott uns noch so sehr nahe ist und uns das in Jesus Christus auch gezeigt hat: Vereinnahmen und vor den Karren spannen lässt er sich nicht – schon gar nicht vor den Karren populistischer Schönwetterpropheten, die seinen Willen ignorieren und ihn versuchen zu manipulieren. Gott lässt sich weder ignorieren noch manipulieren. Was für uns gut ist, weiß er allein, da lässt er sich nicht reinreden. Eher mutet er uns einiges zu: Zuallererst,

seinen Willen zu respektieren, damit wir zu einem gedeihlichen Miteinander kommen. Sodann fordert er Vertrauen und Geduld, mitunter auch Gelassenheit und einen kühlen Kopf. Denn gut Ding will Weile haben; schnelle Lösungen verbieten sich, weil sie immer auf Kosten von Mensch und Natur gehen. Und weiter mutet uns Gott zu, mit Menschen anderer Meinung zusammenzuleben, damit wir lernen, auf-

einander zu hören und demütig zu werden. Und demütig heißt hier: Zugestehen, dass niemand von uns die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, dass es viele Wege nach Rom gibt, dass alles einen tieferen Sinn hat, auch das Unangenehme. Nur gemeinsam, im Vertrauen auf den guten, verlässlichen Gott, kommen wir vorwärts in unserer Erkenntnis, was trägt und was trügt!


Lassen wir uns also nicht verrückt machen von populistischen Heilsbringern, selbsternannten Erlösern und Schönwetterpropheten unserer Zeit. Vertrauen wir auf den guten Gott, der uns alle miteinander zu einem Leben in Fülle führen möchte. Das ist seine Vision für uns, das ist verlässliche Wahrheit.


Amen.


Predigt Pfingsten, 19. 5.2024, Gruiten. Text: Ez 37,1-14, von Pastor Erlemann


Israel, das Totenfeld, wird durch Gottes Odem lebendig1 Des HERRN Hand kam über mich, und er führte mich hinaus im Geist des HERRN und stellte mich mitten auf ein weites Feld; das lag voller Totengebeine. 2 Und er führte mich überall hindurch. Und siehe, es lagen sehr viele Gebeine über das Feld hin, und siehe, sie waren ganz verdorrt. 3 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, meinst du wohl, dass diese Gebeine wieder lebendig werden? Und ich sprach: HERR, mein Gott, du weißt es. 4 Und er sprach zu mir: Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, höret des HERRN Wort! 5 So spricht Gott der HERR zu diesen Gebeinen: Siehe, ich will Odem in euch bringen, dass ihr wieder lebendig werdet. 6 Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut und will euch Odem geben, dass ihr wieder lebendig werdet; und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. 7 Und ich weissagte, wie mir befohlen war. Und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und siehe, es regte sich und die Gebeine rückten zusammen, Gebein zu Gebein. 8 Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. 9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! 10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer. 11 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. 12 Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. 13 Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. 14 Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.


Liebe Gruitener, liebe Schölleraner, 


was hat denn dieser obskure Predigttext aus dem alttestamentlichen Ezechielbuch mit Pfingsten zu tun? Erst einmal gar nichts, wie es scheint. An Pfingsten denken wir in erster Linie an Apostelgeschichte 2, die Ausgießung des Heiligen Geistes über die versammelten Jüngerinnen und Jünger Jesu in Jerusalem. Wir denken an sonderbare Gaben wie spontane Fremdsprachenkompetenz (lange vor KI) und die Gabe mutiger Rede vor skeptischem Publikum. Diese Geistesgaben oder Charismen markieren die Geburtsstunde der Weltmission und der Kirche. Pfingsten ist das Fest der kirchlichen Gemeinschaft und des Geistes. 


Wer oder was aber ist der Heilige Geist? Nun, er weht, wo er will, er ist unfassbar, so die einhellige Meinung der Bibel. Er ist sowohl Person als auch Kraft, ein Teil der göttlichen Trinität, aus dem Glaubensbekenntnis nicht wegzudenken. Gleichwohl – fragen wir heutzutage Menschen auf der Straße, erhalten wir wenig Antworten, eher schon fragende Gesichter. Mit Weihnachten können die meisten was anfangen, mit Ostern gerade so eben auch, auch mit Gott-Vater und Jesus von Nazareth; aber mit Pfingsten und dem Heiligen Geist? Selbst viele meiner Studenten an der Uni haben keine klare Vorstellung darüber. 


Gottes guter und heiliger Geist, liebe Gemeinde, ist Lebenskraft pur, der Odem, der einst Adam zum Leben erweckte. Gottes Geist schwebte schon vor der Schöpfung über dem Wasser, wie es am Anfang der Bibel heißt, und er gilt seither als Gottes geballte Schöpferkraft. Er ist überall dort wirksam, wo etwas Neues, Gutes entsteht. Er steht hinter den Wundern Jesu und markiert dort den Beginn der Neuschöpfung der Welt. Er steht hinter der Befreiung der Menschen von unguten Geistern, hinter Heilungen aller Art und sogar hinter Totenerweckungen. Gottes heiliger Geist entführte Jesus nach seiner Taufe für 40 Tage in die Wüste, wo er Satan persönlich begegnete und seinen Avancen glorreich widerstand. Der Heilige Geist ist aber nicht nur konzentrierte Schöpferkraft, sondern auch der Kitt, der eine christliche Gemeinschaft zusammenhält, der uns immun macht gegen die Geister der Angst, des Neids und des Machtstrebens. 


Der Geist Gottes, so sagt unser Predigttext, entführte auch den Propheten Ezechiel während des Babylonischen Exils auf ein weites Feld abseits der Zivilisation. Es ist ein Schlachtfeld mit unzähligen Totengebeinen, wie es heißt. Dank des Geistes Gottes erhält Ezechiel eine umstürzende Vision: Gott kann mithilfe seines Odems und mithilfe seines Propheten die längst verblichenen Knochen zu neuem Leben erwecken. Hier also ist die Verbindung, das missing link zwischen Pfingstpredigt und Ezechiel 37: Die geballte Schöpferkraft Gottes, sein Leben schaffender Geist und sein göttlicher Odem können sogar aus verstreuten Knochen neue Menschen schaffen – welch eine Demonstration der göttlichen Allmacht!


Da spielt es keine Rolle, ob jene Gebeine tatsächlich zu neuem Leben erwachten oder ob der Text im übertragenen Sinne zeigen will, dass das zerschlagene Volk Israel in Babylon durchaus Hoffnung auf ein neues Leben in der fernen Heimat haben darf. Hoffnung gegen alle Erfahrung, gegen alle biologische und physikalische Wahrscheinlichkeit, ja sogar gegen die Naturgesetze. Der Gott der Bibel kann das, sagt unser Text.


Doch, liebe Gruitener und Schölleraner, mit den Geistwirkungen geht es auch deutlich unspektakulärer und subtiler, zum Beispiel in unserem Gemeindeleben. Eine vor Jahren aus Vernunft- und Finanzgründen geschaffene Kirchengemeinde aus Gruiten und Schöller – hat sie je eine Chance, wirklich zu einer Einheit zusammenzuwachsen? Ich bin noch nicht lange hier, aber ich habe den Eindruck, ein kleines Pfingstwunder könnte hier helfen. Sturheit hier und Bequemlichkeit dort, Vorurteile wie zwischen Ossis und Wessis und natürlich auch rein praktische Gründe wie die Unübersteigbarkeit des Osterholzes stimmen mich skeptisch. Dabei könnten beide Seiten so viel dazugewinnen – die Gruitener jene altehrwürdige Dorfkirche von Schöller und die Schölleraner ein liebreizendes Dorf namens Gruiten mitsamt seinen vielfältigen Möglichkeiten. 


Ja, ich bin skeptisch, aber längst nicht ohne Hoffnung. Ist es doch immer wieder ermutigend, dass einige Schölleraner den Weg hierher wagen und sich von der Atmosphäre unserer Gruitener Kirche inspirieren lassen. Und umgekehrt ist es genauso ermutigend, dass einige von Ihnen, liebe Gruitener, sich hin und wieder nach Schöller aufmachen, um in jener altehrwürdigen Kirche Gottesdienst zu erleben.

 

Ich weiß, es ist noch viel zu tun. Es gibt Verständigungsprobleme, es gibt viel Angst, die eigene Identität zu verlieren. Aber das alles ist überwindbar. Der gute Geist Gottes, der sogar aus dem Tod neues Leben schaffen kann, kann und wird unsere Gemeinde beleben. Wir alle können unseren Teil dazu beitragen, mit Ideen zur Gemeindekonzeption etwa. Machen Sie mit, helfen Sie, die Zukunft der reformierten Gemeinde Gruiten-Schöller zu gestalten, damit wir als starke Gemeinschaft den kommenden Herausforderungen strotzen können. Bitten wir Gott um seinen Heiligen Geist, der uns widerstandsfähig macht gegen Kleinmut, Bequemlichkeit und Angst. Der uns beseelt und mit Phantasie erfüllt, unsere Doppelgemeinde mit Leben zu füllen. Als Einheit, getrieben vom Geist Gottes, strahlen wir dann nach außen, werden wir attraktiv für Zweifler und Skeptiker, werden wir zum Licht der Welt im Meer der tausend Lichter. 


Liebe Gemeinde aus Gruitenern und Schölleranern, die Vision des Propheten Ezechiel und die Pfingsterfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu zeigen uns, was möglich ist. Mit gutem Willen, mit good spirits, und mit dem erklärten Ziel, aus der ungeliebten Fusion etwas Einzigartiges zu erschaffen, und mithilfe des belebenden Geistes Gottes wird am Ende eine gute Gemeinschaft entstehen. Das ist jedenfalls meine persönliche Vision. Packen wir´s an, brechen wir auf, beseelt vom Pfingstgeist Gottes!


Amen.



Predigt Kantate, 28. 4.2024, Schöller. Text: Offb 15,2-4, von Pastor Kurt Erlemann


Das Lied der Überwinder2 Und ich sah ein Meer wie aus Glas, von Feuer durchglüht. Und alle, die siegreich dem Tier, seinem Götzenbild und dem Unheil der Zahl 666 entkommen waren, standen am Ufer des gläsernen Meeres mit Harfen von Gott 3 und sangen das Lied des Mose, der Gott gehorsam war, und das Lied des Lammes: ´Herr, Gott, der du überall herrschst. Großes und Wunderbares hast du getan. Gerecht und dauerhaft hast du gehandelt. 4 Du König der Völker, alle fürchten und lobpreisen deinen Namen. Denn du allein bist heilig, und alle Völker werden kommen und niederfallen vor dir. Denn dein Wirken in der Geschichte ist offenbar geworden. 


Liebe Schölleraner, liebe Gruitener, 



endlich geschafft! So bringen wir das Ende großer Anstrengung, das Ende einer langen Durststrecke auf den Punkt. Endlich geschafft! Wir sind tief erleichtert; eine Riesenlast ist von unseren Schultern abgefallen, die entscheidende Prüfung bestanden, das lange Leiden endlich überwunden. Endlich geschafft – ein in Worte gefasster, tiefer Seufzer; wir fühlen uns ausgelaugt, müde, aber glücklich. Endlich können wir wieder Luft holen. Nach Stress und Entbehrung finden wir endlich Entspannung und Ruhe – himmlische Ruhe und inneren Frieden. 


Endlich geschafft! Das könnte auch die Überschrift über dem heutigen Predigttext sein. Diejenigen, die zeit Lebens den Übergriffen des Bösen getrotzt haben, stimmen mit göttlichen Harfen einen erleichterten Lobgesang an. Sie loben Gott, den Allherrscher, der sie in wunderbarer Weise bewahrt hat. Sie loben Gott, der sich endlich allen Menschen zu erkennen gegeben hat als der Heilige, als der geschichtsmächtige König aller Völker. 


Die Szenerie ist surreal: Die Geretteten stehen an einem Meer aus Glas, durch Feuer ausgehärtet – ein Bild wie aus dem Science-Fiction-Film, in seiner Symbolkraft klar: Die bewegte Geschichte der Menschheit hat ein Ende gefunden; die Elemente Feuer und Wasser streiten nicht mehr gegeneinander, sondern haben sich zu maximaler Ruhe und absolutem Frieden vereinigt.


Was die Sängerinnen und Harfenspieler am Ufer dieses gläsernen Feuermeeres hinter sich haben, wollen wir gar nicht so genau wissen – es ist in den apokalyptischen Bildern der Johannesoffenbarung verewigt. Wir lesen dort von übermenschlichen Leiden, Verfolgungen und Versuchungen; ein apokalyptisches Katastrophenszenario mit unzähligen Opfern. Für viele, allzu viele Menschen war es eine unerträgliche Zeit, überfordernd, in die Verzweiflung treibend. Ein Ende war nicht in Sicht, schon gar kein gutes. Der Terror des Bösen war allgegenwärtig, in Gestalt des römischen Kaiserkults, in Gestalt religiösen Fanatismus´, in Gestalt täglicher Schikanen und Diffamierungen – Alltag für die Christinnen und Christen, an welche die Johannesoffenbarung ursprünglich gerichtet war. Doch von jetzt auf gleich: Ende, Ruhe, Frieden – endlich geschafft! Wie damals, 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie heute leider noch nicht in der Ukraine, in Nahost, im Sudan und in vielen anderen Regionen unserer Welt.


Der Predigttext stellt heraus: Es gibt ein Ende von Leid und Terror, von Verfolgung, Hunger und Elend. Es kommt die Zeit, wo wir sagen können: Endlich geschafft! Gegen allen Augenschein, gegen all das, was uns tagtäglich in den Medien um die Ohren fliegt und was wir persönlich erleben, in unserer ganz persönlichen Apokalypse. In den Trennungserfahrungen, Krankheiten und Existenzängsten. In der Trauer um liebe Menschen, in der Ohnmacht angesichts von Krieg, Klimakatastrophe und tödlichen Diagnosen. Alledem zum Trotz wird am Ende alles gut, wird Gott seine Wirkmacht global zeigen, werden die Menschen zur Erkenntnis kommen, dass es jenen unsichtbaren Gott doch gibt. Gegen allen Augenschein kann unser Leben von jetzt auf gleich eine gute Wendung nehmen, weil Gott die Fäden in der Hand hält. Dann werden wir versöhnt sein mit all den Ungereimtheiten und Fragen unseres Lebens. Irgendwann wird alles glasklar und eindeutig sein, wie durchs Feuer geläutert. Am Ende wird eindeutig sein, was uns durchs Leben getragen hat und was nicht. Dann werden wir Gott ein Loblied anstimmen, werden wir singen und danken dafür, dass die Hoffnung uns getragen hat und wir nicht in die Verzweiflung abgestürzt sind. 


Am Ende …. liebe Gemeinde, das klingt nach Vertröstung, ich gebe es zu. Was hilft mir die vage Auskunft, dass irgendwann in ferner Zukunft alles gut sein soll, wenn ich jetzt schon keine Kraft mehr spüre, wenn die offenen Wunden meiner Seele mir heute das Herz zerreißen? Dann ist guter Rat teuer, dann kommt auch Seelsorge an ihre Grenzen. Dann bleibt oft nur noch gemeinsames Schweigen, gemeinsames Klagen, einander in den Arm nehmen und Nähe zeigen. Aber was heißt hier eigentlich nur noch? Ich finde, all das ist enorm wichtig und enorm viel. Denn die Nähe, die wir einander geben, ist nichts anderes als verwirklichte Nähe Gottes! Wo wir einander nah sind, ist Gott uns nah. Und: Wo wir Menschen gemeinsam beten, wird das Gebet lauter und dringlicher, findet es ganz oben ganz sicher Gehör.  


Und dann gibt es noch eine erstaunliche Erfahrung: Wo Menschen gemeinsam schweigen, besteht die Chance, Gottes Stimme zu hören – abseits der Dauerbeschallung, der wir im Alltag ausgesetzt sind. Wenn wir still werden, könnte zum Beispiel das Wort Jesu wieder zu uns durchdringen: „Kommt her alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Kraft geben.“ Im gemeinsamen Schweigen, wenn uns keine Worte des Trostes mehr einfallen, steckt eine große Chance. Schon der in seiner Depression sprachlos gewordene Prophet Elia erfuhr: Gott ist nicht der Gott des Getöses, nicht der Gott der Empörokratie von Facebook & Co., sondern der Gott des leisen Säuselns im Wind. Gott ist ein Gott der leisen Töne, der Sanftmut. Dagegen können all die lauten Stimmen um uns her, die uns das Fürchten lehren wollen, nichts ausrichten. Der Gott der leisen Töne ist stärker. Er kann uns aufrichten und unserem Leben jederzeit eine wunderbare Wendung geben. 


Liebe Schölleraner, liebe Gruitener, was wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören können, ist längst nicht die ganze Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit mit all ihren Misstönen und Irrlichtern ist umrahmt von einer anderen, heilsamen Wirklichkeit, sie ist umrahmt von Gottes Güte, seiner oft unsichtbaren Führung und Nähe. Gott navigiert uns durch die Stromschnellen unseres Lebens hindurch zu einem sicheren, friedlichen Ufer, an dem wir ausruhen können. Und damit wir gut dort ankommen, hält er uns immer wieder ruhige Strände bereit, wo wir neue Kraft und Orientierung finden können – mitten im Alltag. Wo immer wir innehalten, uns ausklinken, wo wir die kleinen Inseln des Glücks pflegen, wo wir einander Nähe schenken, finden wir Zuversicht, Entspannung und inneren Frieden.  


Trainieren wir täglich ein wenig, uns auszuklinken, nehmen wir uns bewusst Auszeiten von Social Media und der Flut an negativen Nachrichten und Empörungsblogs. Pflegen wir die kleinen Inseln des Glücks, wenden wir uns einander zu und lassen uns gegenseitig die wohltuende Nähe Gottes spüren. Das macht uns widerstandsfähig, dankbar und stark. Das gibt uns die nötige Orientierung, den Kompass für unser Leben. Und der weist uns zum guten Ziel hin, das Gott für uns bereitet hat.


Amen.



Predigt Misericordias Domini, 14. 4.2024, Gruiten. Text: Gen 16,1-16, von Pastor Kurt Erlemann


Liebe Gruitener und Schölleraner, 


in dieser Erzelternerzählung geht so einiges schief. Abram und Sarai, wie sie damals noch heißen, beide schon weit über 80, warten seit Jahrzehnten vergeblich auf Nachwuchs, der von Gott anno dazumal verheißen wurde. Hagar, die Dienstmagd, wird sozusagen als Leihmutter benutzt und spielt sich gegen Sarai, ihre Herrin, auf. Die kinderlose Sarai wird so ein zweites Mal gedemütigt – war doch und ist bis heute Kinderlosigkeit ein Makel, den betroffene Frauen durchaus als Demütigung erfahren können. Abram scheint nicht Herr der Lage und wird von seiner Frau übel beschimpft. Hagar wird daraufhin von Sarai gedemütigt und flieht in ihrer Not (oder aus Rache, wer weiß) mit dem lang ersehnten, noch ungeborenen Stammhalter.


Bis dahin klingt alles nach Zickenterror und einer ziemlich zerfahrenen Dreier-Beziehungskiste. Eines fällt auf: Von Liebe ist in keinem Vers die Rede. Der Vorschlag Sarais, Abram möge die Dienstmagd schwängern, war vielleicht ein Akt der Vernunft, wenn nicht der Verzweiflung. Sarais Kalkül: Wenn das noch etwas werden soll mit Nachwuchs, muss es Abram möglichst bald mit einer Jüngeren versuchen – er war ja auch nicht mehr der Jüngste. Zumindest könnte es dann einen rechtlichen Erben geben. 


Das Vertrauen in Gottes Verheißung reicher Nachkommenschaft scheint restlos überstrapaziert – kein Wunder, ca. 30 Jahre nach der Menopause. Also nehmen die noch-nicht-Erzeltern das Heft der Verheißung selbst in die Hand, mit beinahe verhängnisvollen Folgen. 


Zugegeben: Die Erzelternerzählungen lesen sich über weite Strecken als übermenschliche Geduldsprobe, und wer am Ende den Verheißungsfaden weiterspinnen darf, ist nicht vorhersehbar – wie bei einem guten Krimi mit vielen überraschenden Wendungen. Und so erleben wir Abram und Sarai nicht nur einmal überfordert. Das Ehepaar will trotz der Verheißungen Gottes nichts anbrennen lassen und geht recht eigenwillige Wege, um das mit der Verheißung selbst auf die Reihe zu kriegen. Dass die Beiden damit für manche Irritation und Verärgerung sorgen, liegt in der Natur der Sache. Erst ganz spät – Abraham ist bereits sage und schreibe hundert Jahre alt – kommt der biologische Wunderknabe Isaak, der künftige Verheißungsträger, zur Welt. Wer hätte das gedacht – seine Eltern jedenfalls nicht. Später soll Abraham seinen Sprössling sogar noch zurückgeben, aber das ist eine andere Story. Die hatten wir vor ein paar Wochen schonmal. Meine Predigt dazu können Sie auf der Homepage nachlesen – wie die heutige übrigens auch schon bald.


Liebe Gruitener und Schölleraner, ich möchte auf den Punkt kommen, nach so viel Vorgeplänkel und Befindlichkeitsstudien. Liest man den Text bis zu Ende, kann man eine spannende Feststellung machen: Nach Demütigung in Teil 1 erfahren in Teil 2 Hagar, aber auch Sarai, Wertschätzung. Hagar, die instrumentalisierte Leihmutter, hat eine wundersame Begegnung mit einem Engel Gottes, symbolträchtig an einer Wasserquelle. Sozusagen als göttliche Wiedergutmachung für die erlebte Demütigung erhält sie nun selbst die göttliche Verheißung reicher Nachkommenschaft. Ismael, der „Wildesel“, wie es heißt, immer gut für Streit und Zoff, wird ihr Sohn sein und Vater zahlreicher Enkelkinder für Hagar, die Dienstmagd. Sie fühlt sich außerordentlich wertgeschätzt und bringt das in ihrem kleinen Bekenntnis zum Ausdruck: „Du bist ein Gott, der mich wahrnimmt“ – im Unterschied zu ihren Hauseltern, könnte man ergänzen. 


Für Hagar, die frisch Gebenedeite, wird die Wasserquelle zum Brunnen neuen Lebens. Und als göttlich wertgeschätzte Frau wird es ihr leichter gefallen sein, sich der göttlichen Order zu fügen und sich nach ihrer Rückkehr Sarai unterzuordnen. So wird aus der unglückseligen Beziehungskiste, aus den gegenseitigen Demütigungen eine Geschichte gegenseitiger Wertschätzung. Hagar wird Teil der Verheißungsgeschichte Gottes, wenn auch nur eines Nebengeleises, aber immerhin. Eine steile Karriere, von der Dienstmagd zur Verheißungsträgerin. Und bis zu Isaaks Geburt ca. 14 Jahre später darf sie sich sogar als Mutter des erstgeborenen und einzigen Sohnes Abrams wähnen. 


Liebe Gemeinde, wieso und weshalb Gott seine auserkorenen Erzeltern so lange schmoren lässt, bis sie aus Skepsis und Verzweiflung ihre eigenen, krummen Wege gehen, um Gottes Zusagen in Eigenregie Wirklichkeit werden zu lassen, wissen wir nicht. Vielleicht ist ja alles nur ein großer Glaubenstest, um herauszufinden, wie weit das Vertrauen der beiden alten Leute tatsächlich reicht. Vielleicht ist es aber auch eine Story über das Vertrauen Gottes zu seinen erwählten Menschen: Er lässt sie an der langen Leine laufen, lässt sie ihre eigenen Erfahrungen machen, mit all den Irrungen und Wirrungen, denen wir Menschen im Laufe unseres Lebens nun einmal erliegen, um – und jetzt kommt es: am Ende im Gottvertrauen anzukommen, um im Rückblick auf ein buntes Leben die oft verborgene, aber heilvolle Führung Gottes zu entdecken und Gott dafür wertzuschätzen. Abram braucht noch bis zu Isaaks Opferung, um an diesen Punkt zu kommen. 


Wie auch immer: Die Story von Sarai und Hagar ist Teil der verwickelten Geschichte Gottes mit uns Menschen. Eine Geschichte, in der am Ende alles gut wird – trotz unserer Irrungen und Wirrungen. Gott kann aus unseren manchmal recht zweifelhaften Entscheidungen, aus all dem Bockmist, den wir auf unserem Weg produzieren, etwas Gutes machen. In überraschenden Wendungen gibt er uns immer mal wieder eine neue Richtung vor, betreibt quasi von hinten das Krisenmanagement unseres Lebens, setzt uns behutsam wieder auf die rechte Spur, auf der es dann weitergehen soll zu einem guten, versöhnlichen Ende. 


Liebe Gemeinde, eines sind wir sicherlich nicht: Wir sind keine Marionetten an den unsichtbaren Fäden eines göttlichen Puppenspielers. Wie unsere persönliche Lebensstory ausgeht, ist tatsächlich offen. An Gott soll unser Leben aber nicht scheitern, eher schon an unserer Blindheit und Sturheit. Ich wünsche Ihnen und mir einen offenen Blick für Gottes Pläne mit uns und die Fähigkeit, im Zweifel auch einmal den eingeschlagenen Kurs zu verlassen und der Stimme unseres Herzens zu folgen. So wachsen wir im Glauben und Vertrauen auf Gott, der es jederzeit gut mit uns meint und uns wie ein guter Hirte auf saftige Weiden führen möchte. Dieses Vertrauen möge uns stärken auch in schweren Zeiten, in den Sackgassen und Umleitungen unseres Lebens, dann, wenn wir das gute Ziel aus den Augen zu verlieren drohen. Gott ist ein Gott, der uns wahrnimmt, egal wie klein wir sind, der uns wertschätzt als einzigartige Menschen, und der uns immer wieder den rechten Weg zeigt.

 

Amen.




,Predigt Ostern, 31. 3.2024, Schöller & Gruiten

„Mal angenommen … da berühren sich Himmel und Erde“

 

Mal angenommen das stimmt, was da an Ostern berichtet wird in der Bibel. Wenn das stimmt, dass der Tod überwunden wurde und nicht mehr das letzte Wort hat. Wenn das Leben über dem Tod steht und Menschen sich davon überzeugen konnten…

 

Mal angenommen du glaubst, was in diesem Ei jetzt hier drin ist, ohne es selbst zu wissen. Wenn du aus purem Vertrauen für möglich hältst, was andere dir darüber berichten. Wenn du keine Biologie studiert hast, aber dir vorstellen kannst, wie ein Ei innen aussieht, weil es deiner Erfahrung entspricht…

 

–> … dann ist Ostern!!

 

Dann passiert etwas, was vorher keiner für möglich gehalten hat. Dann tun sich neue Wege auf, wird unvorstellbares vorstellbar, nie erlebtes erlebbar, dann öffnet sich der Himmel.

 

Mal angenommen, dir ist WICHTIG, was da an Ostern passiert. Dann ist das wie mit so einem Ei: Du siehst nichts, du schmeckst nichts und du riechst nichts. Das Ei liegt einfach so da, lässt sich in die Hand nehmen und lässt sich von dem hier (Styroporei) nicht unterscheiden aus der Entfernung. Gut gemachte Gipsfälschungen werden sogar von Rangern im Austausch in Gelege plaziert zum Artenschutz.

 

Wenn dir wichtig ist, was da an Ostern passiert, ist es wie mit diesem Ei, weil es ein Symbol ist für dein Leben: Auch du kannst dein Leben einfach so dahinleben, nichts Umwerfendes passiert. Doch dann platzt das Ei auf und ein Küken, ein neues Leben bricht sich Bahn durch die Schale auf diese Welt. Ein neues Leben bricht an aus dem so tot scheinenden Ei - an Ostern.

 

Mal angenommen, das war wirklich so, dass mit Jesus ein neues Leben hervorgebracht wurde, dann ist das wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei - nur mit einer ganz anderen Lösung: beides ist EINS geworden. Da wird aus Ei neues Leben, schlüpft ein Küken, wo kein Leben vorher sichtbar war.

 

Wenn mit Jesus Auferstehung neues Leben entstanden ist, dann hat der Tod seinen Schrecken verloren. Dann ist der Tod als Teil des Lebens nicht mehr die schwarze Wand und Übermacht, vor der sich sogar Jesus fürchtete, sondern dann bekommt Gottes Wirken eine klare Perspektive. Man kann diese Perspektive Ewigkeit nennen, manche sagen Himmel dazu, andere ganz verklärt Licht. Ich sehe vielmehr den Sinn darin, dass Gott für uns eine neue Realität bereithält, die wir noch gar nicht vorstellen und sehen können.

 

Mal angenommen dieses „OSTERN“ hat etwas mit mir zu tun, mit DIR zu tun, dann bleibt nichts mehr, wie es war. Dann hat Ostern diese Welt komplett auf den Kopf gestellt. Denn: Dann ist nicht mehr Gott im Himmel und ich Mensch lebe mein Leben allein hier auf der Welt und darf darauf hoffen, irgendwie in den Himmel zu gelangen.

Nein, dann bricht Leben mit Gott jetzt und hier an! Dann fängt mit diesem Moment für DICH, für mich ein neues Leben an. Dann zeigt sich Gottes übermäßige und uneingeschränkte Liebe an dir und für dich. In dem Moment zählt nicht mehr, was du verdienst. Es zählt nicht mehr, ob du dein Leben tadellos geführt oder verbockt hast. Es zählt nicht mehr, dass wir Menschen uns entschieden haben, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen statt auf Gottes Führung zu bauen.

Mal angenommen, dieses OSTERN hat etwas mit dir zu tun, weil es dir wichtig geworden ist, weil du darauf baust und dir das für dich reklamierst, dann berühren sich Himmel und Erde, dann wird Gott und wir eins, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt.


 AMEN


Predigt Karfreitag, 29. 3.2024, Schöller & Gruiten. Text: Mt 27,33-54, von Pastor Kurt Erlemann


Liebe Schölleraner, liebe Gruitener,


„Hochmut kommt vor dem Fall“ heißt ein bekanntes Sprichwort. Egal ob die Fußball-Nationalmannschaft, ob selbstherrlich auftretende Politikerinnen und Politiker, ob die Institution Kirche mit ihren besonderen moralischen Selbstansprüchen – wer den Mund zu voll nimmt, scheitert schneller, als er oder sie gucken kann. „Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen“ heißt ein weiteres Sprichwort, und es trifft auch auf die erwähnten Gescheiterten zu. Wer den Mund zu voll nimmt und scheitert, wird zum Gespött der Leute. Schadenfreude breitet sich aus, den Rest besorgen Presse und Social Media. 


Warum das so ist? Nun, uns Durchschnittsmenschen ist alles suspekt, was das alltägliche Mittelmaß übersteigt. Wer sich als besonders clever, als unschlagbar oder als moralisch „heilig“ anpreist, wird argwöhnisch beäugt und an seinen Taten gemessen. Scheitert jemand an seinem Selbstanspruch, ist die Welt von uns Normalos wieder in Ordnung. Spott und Schadenfreude sind Ventile, die das alltägliche Mittelmaß erträglich machen. 


„Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen“ – so geschehen auch damals auf Golgatha, jenem Hinrichtungshügel vor den Toren Jerusalems. Da hing einer, dessen Fall hätte nicht tiefer sein können. Ihn umgab zu Lebzeiten der Nimbus des Heiligen. In seinen Predigten prangerte er das Mittelmaß pharisäischer Moral an. Mit seinen provokativen Sprüchen macht er sich nicht nur Freunde. Mit seinen Wundertaten und Gleichnissen polarisierte er nach Kräften. Die Einen fanden ihn klasse, für die Anderen war er ein Spinner, wenn nicht sogar ein gefährlicher Aufrührer. Seine Jüngerinnen und Jünger hielten ihn sogar für den Messias, den gesalbten Erlöser und Sohn Gottes.


Jetzt hing er hier, am Kreuz der Römer, gescheitert auf ganzer Linie. Sein heiliger Nimbus – verpufft. Der Christusglaube der Jüngerinnen und Jünger – widerlegt. Jesus von Nazareth, selbsternannter Moralprediger und Erlöser – ein Gespött des Publikums. Und der Gipfel des Hohns: Er möge doch bitteschön vom Kreuz steigen, wenn er denn Gottes Sohn sei. Dann würden sie ihm ja vielleicht glauben. Wer sich als Gottes Sohn ausgibt, müsse sich schließlich mit Gottes Allmacht aus der Affäre befreien können! Und wer würde schon freiwillig auf solch eine Chance verzichten? Kein Mensch!


Liebe Gemeinde, die Logik der Spötter ist plausibel. Der Gott Israels hatte sich schon immer allmächtig in die Geschicke seines Volkes eingemischt – erwählend und rettend, manchmal auch strafend. Der Glaube an Gott war der Glaube an seine Allmacht, mit der er die Erwählten retten und die Gottlosen bestrafen konnte. Der logische Schluss daraus: Ließ Gott diesen Jesus am Kreuz verenden, gehörte Jesus nicht zu den Erwählten, sondern zu den Gottlosen, den Gotteslästerern. Sein letzter Aufschrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ dokumentiert nach dieser Logik das grandiose Scheitern des Mannes aus Nazareth. So einfach – und doch so falsch.


Denn offensichtlich hatten die Spötter nicht genau hingehört, als Jesus vom Gott Israels gepredigt hatte: Von dem Gott der Liebe, der Versöhnung und der schier grenzenlosen Geduld. Vom Gott, der sogar auf den Gebrauch seiner Allmacht verzichtet, um das Böse aus der Welt zu schaffen. Gottes steter Tropfen der Gewaltlosigkeit sollte den Stein des Bösen aushöhlen. Weil es nämlich noch nie funktioniert hat, Gewalt durch Gegengewalt zu beenden – in der Antike nicht, in der Ukraine nicht und anderswo auch nicht. 


Nein, die Spötter von Golgatha hatten nicht genau hingehört. Oder sie hatten genau zugehört und wollten gerade deshalb Jesus ans Kreuz nageln: Weil er ihre Lebensphilosophie, ihren Glauben an den allmächtigen Gott, der die Erwählten rettet und die Gottlosen bestraft, auf den Kopf stellte – und damit die Grundlage ihrer Führungsposition im Volk. Denn, so die Logik, wenn Gott andere Wege ging, als ständig seine Allmacht zu beweisen, waren ihre eigenen moralischen Druckmittel auf das Volk fragwürdig. Kurzum: Jesus musste weg! So, wie jede Gesellschaft die Lichtgestalten, Visionäre und Heiligen aus dem Weg räumt, weil sie ihr den Spiegel vorhalten. Weil sie demonstrieren, dass das Mittelmaß nicht genügt, und dass es auch andere Wege als die normalen gibt, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Und so stellten sie Jesus nach, intrigierten gegen ihn und lieferten ihn am Ende den Römern aus. Jesus wurde gekreuzigt, und ihr Weltbild war wieder in Ordnung. Der religiöse Troublemaker war ausgeschaltet, die Grundsatzkritik an ihrem Führungsstil endlich verstummt. 


Liebe Schölleraner / Gruitener, so ganz unspektakulär und gewaltfrei ging das Karfreitagsgeschehen auf Golgatha nun auch wieder nicht über die Bühne. Glauben wir Matthäus, geschahen zur entscheidenden Stunde kosmische Zeichen – Finsternis, Erdbeben und eine vorgezogene Auferstehung von Toten – also doch ein paar Hinweise auf Gottes Allmacht. Und prompt entfährt es einem römischen Offizier und seinen Soldaten: „Wahrhaft, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Von den Spöttern ist hingegen nicht mehr zu lesen. 


Der Offizier und seine Soldaten haben immerhin die eine Hälfte der Wahrheit erkannt. Und die andere Hälfte? Nun, die heißt: Gerade in seinem Verzicht darauf, göttliche Allmacht in Anspruch zu nehmen, gerade in seiner Bereitschaft, dem Tod nicht auszuweichen, erwies sich Jesus als der Sohn seines Vaters – des Gottes der Liebe, der Versöhnung und des Gewaltverzichts. Gerade im Verzicht, vom Kreuz herabzusteigen, durchkreuzte Jesus die Strategie des Bösen. Wäre Jesus der letzten Versuchung erlegen, hätte das Böse in Gestalt von vitalen Interessen, Überlebenstrieb, Machterhalt und dem Wunsch, es den Anderen am Ende noch zu zeigen, einmal mehr triumphiert.


Wäre Jesus vom Kreuz gestiegen, wäre er wie jeder andere Mensch in Verruf geraten, im Zweifel doch eher seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, als seiner göttlichen Mission zu folgen. So aber wurde Jesus nachhaltig glaubwürdig – für römische Soldaten und für zahllose Menschen in den letzten zweitausend Jahren. So wurde er zum Initiator des christlichen Glaubens bis heute. 


In diesem Sinne musste Jesus sterben, um seiner und Gottes Glaubwürdigkeit willen. Er blieb sich selbst treu und er blieb seinem Gott treu. Dessen Allmacht zeigte sich nicht in ein paar kosmischen Zeichen an Karfreitag, sondern am Ostermorgen. Gottes Strategie ist es nicht, Leiden und Sterben zu verhindern, sondern den Tod zu überwinden. Der Tod hat nicht das letzte Wort – das ist unsere christliche Hoffnung bis heute!


Halleluja.



Predigt Judika, 17. März 2024, Schöller, über Gen 22,1-14 von Pastor Kurt Erlemann


Liebe Schölleraner, liebe Gruitener,


der Predigttext zum heutigen Sonntag Judika ist eine einzige Zumutung – jedenfalls auf den ersten Blick. Ich fand diese Geschichte von Isaaks Opferung früher nur grausam und schrecklich. Das Bild von Gott, das die Erzählung zeichnet, schien mir schier unerträglich. Was Gott da von Abraham fordert, grenzt an Sadismus, so meine Einschätzung. Erst bekommen Abraham und Sara im hohen Alter endlich den lang ersehnten Stammhalter, dann wird er als sinnloses Opfer wieder eingefordert. Was mutet Gott da den Eltern des kleinen Isaak zu? Das erscheint unmenschlich und ist theologisch nur schwer zu erklären. 


Heute, im fortgeschrittenen Lebensalter, lese ich den Text aus einem anderen Blickwinkel. Meine Lebenserfahrung kennt inzwischen vergleichbare Situationen. Nicht, dass von mir ein Sohn zurückverlangt worden wäre. Aber dass ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit geführt wurde – physisch wie psychisch –, dass früheres, hart erkämpftes und sicher geglaubtes Glück auf einmal zwischen den Händen zu zerrinnen schien, oder dass ich mich unter massiven Druck gesetzt fühlte und ebendies meine Lebensfreude ganz erheblich einschränkte – all das habe ich inzwischen erlebt, vielleicht ja auch erleben müssen, um da zu stehen, wo ich heute stehe – vor Ihnen hier in der wunderschönen Kirche von Schöller und an der Seite meiner Frau. 


Nicht wahr, solche Situationen gibt es immer wieder einmal im Leben. Sicherlich könnten wir uns lange darüber austauschen – wie sich das anfühlt, wenn die so schön gestylte Zukunft wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, weil andere Menschen einem das Lebensglück nicht gönnen, weil ein Unglück uns trifft von jetzt auf gleich, weil eine Trennung jeden Lebensmut nimmt oder weil wir mit einer bedrohlichen Diagnose konfrontiert werden. In solchen Situationen stellt sich die Sinnfrage ganz konkret, und damit die Theodizeefrage – das heißt die Frage, ob denn Gott gut und gerecht sein könne, wenn er derlei schlimme Zumutungen zulässt. Warum lässt du das zu, Gott? So fragt schon Hiob, so fragen viele Psalmbeter. Wo bist du, Gott? So fragt Jesus am Kreuz, so fragen viele Menschen immer wieder, auch heute.


In einer solchen Gemütslage können wir nur ungläubig über die Haltung Abrahams staunen, der ohne sichtbare Reaktion und Emotion, gleichsam stoisch, der Aufforderung Gottes nachkommt, mit seinem einzigen, geliebten Sohn Isaak aufzubrechen, um ihn, ohne zu wissen warum und wieso, wieder herzugeben, zu töten, zu opfern. Wer von uns würde nicht aufschreien, revoltieren, anklagen, nach dem Sinn einer solch brutalen Zumutung fragen? Wer von uns würde nicht fragen, ob Abraham denn keine Vaterliebe empfand? Er besprach sich nicht einmal mit Sara, der Mutter des Jungen, darüber. Jedenfalls lesen wir nichts darüber. Es scheint gerade so, als würde er es billigend in Kauf nehmen, dass es ihr am Ende das Herz bricht. Oder war sich Abraham so seines Glaubens sicher, dass dieser Gott es nicht zum Äußersten kommen lassen würde? War Abraham vielleicht sogar wahnsinnig? Oder hatte er nur einen Wahnsinnsglauben? 


Liebe Gemeinde, die Bibel zeichnet Abraham als das große Glaubensvorbild schlechthin. Nicht nur in den Erzelternerzählungen, sondern auch in den Evangelien und bei Paulus wird sein Glaube gerühmt. Paulus sieht gerade in Abrahams Haltung den Weg vorgezeichnet, wie Menschen vor Gott gerecht werden können – sola fide, allein aus Glauben, wie Martin Luther übersetzt. Doch ist ein solcher Glaube nicht übermenschlich, unerreichbar? Wir sind jedenfalls nicht Abraham – der scheint wie von einem anderen Stern. Wir sind eher wie Stabhochspringer, die sich vergeblich abmühen, die hochgehängte Latte zu überspringen, und kläglich daran scheitern.


Ebenso umstürzend wie Gottes Forderung an den Erzvater ist die Lösung des Problems am Ende der Erzählung: Gott lässt es tatsächlich nicht bis zum Äußersten kommen. Isaak darf weiterleben; Abraham muss ihn nicht töten, er darf an seiner Stelle einen Widder schlachten. Damit ist das Ende des archaischen Menschenopfers markiert. Abraham hat die ultimative Glaubensprüfung bestanden. Diese Prüfung zielte auf das Erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Gott hat demnach die oberste Priorität im Leben; alles andere, woran wir unsere Gefühle verschwenden, darf nicht zur Konkurrenz zu Gott werden. Der eifersüchtige Gott des Ersten Gebots will es genau wissen und führt Abraham zum Äußersten. Isaak steht symbolisch für die Versuchung, das Erste Gebot zu durchbrechen. 


Liebe Gemeinde, ich bin ehrlich: Ich tue mich bis heute mit diesem Gottesbild schwer. Jederzeit bereit sein, alles aufzugeben, an nichts und niemanden das Herz hängen – dieser Gedanke überfordert mich massiv und er scheint mir auch kaum vermittelbar – den eigenen Kindern nicht, auch nicht der Ehefrau und den Freunden und schon gar nicht Schülerinnen und Schülern, Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wie also können wir mit der Zumutung des Predigttextes umgehen? 


Ich meine, und dabei berufe ich mich auf viele andere Bibeltexte, von den Klagepsalmen über Hiob bis hin zu Jesus am Kreuz von Golgatha: Es ist absolut menschlich und in jedem Falle legitim aufzubegehren, zu klagen, die Zumutung herauszuschreien wie Jesus im Garten Gethsemane: „Vater, lass den Kelch an mir vorübergehen!“ oder am Kreuz von Golgatha: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Ja, selbst Gott anzuklagen, den ganzen Lebensfrust ihm entgegenzuwerfen, wie Hiob es tat, ist biblisch und menschlich zugleich. 


Das Entscheidende scheint mir zu sein, das Vertrauen nicht zu verlieren, dass am Ende alles gut wird. Gott wird es richten, er wird mein Leben zu einem guten Ende bringen – egal, was ich gerade an Zumutungen erlebe. Gott kann selbst aus sauren Zitronen Limonade machen, er kann aus den unverständlichsten Zumutungen etwas Gutes, Befreiendes für uns machen, ja er kann selbst aus dem Tod heraus neues Leben schaffen, denn er ist ja der Schöpfergott! Auch das habe ich nicht nur einmal erfahren: Immer dann, wenn eine Türe zufiel und ich mich im Regen wiederfand, tat sich eine andere Tür auf, die mich zu neuem Leben einlud. Im Februar waren es die außerordentlich großen und einladenden Kirchenportale von Gruiten und Schöller. Und so stehe ich heute hier vor Ihnen, finde mich eingeladen und herzlich willkommen geheißen zu einer neuen Aufgabe in Ihrer, in unserer Gemeinde. Und meine Frau und Enya, unsere Golden Retriever-Hündin, gleich mit! 


Auch als Pastor will und kann ich mich nicht mit Abraham messen, das würde mich nur runterdrücken. Aber ich will wie jener Stabhochspringer trainieren und dann Anlauf nehmen, auch wenn ich davon ausgehen muss, dass ich an der Messlatte Abrahams bzw. Gottes scheitere. Ich tue es im Glauben, dass Gott mir im entscheidenden Moment aus lauter Gnade die Hand reicht und mich drüberlupft, wie man in Südbaden sagt. So ist mein Trainingsaufwand am Ende doch erfolgreich – weil dann Gnade und Glaube in passender Weise, heilvoll, zusammenkommen. Ich möchte mich an diesem Gott orientieren, der zwar viele Zumutungen zulässt, der uns aber nicht fallenlässt, sondern uns immer wieder Kraft gibt und uns im entscheidenden Moment über die Hürden des Lebens hinüberhilft. 


Liebe Gemeinde, in diesem Sinne freue ich mich und bin dankbar über die neue Aufgabe hier in Schöller und Gruiten. Mit den mir geschenkten Gaben werde ich Sie ein Stück weit begleiten durch die Höhen und Tiefen des Gemeindelebens. Ich baue auf ein kreatives und weiterführendes Miteinander, auf gegenseitigen Respekt, auf wohlwollende Nachsicht sowie auf die Liebe Jesu Christi als gemeinsames Fundament. Mit Gottes Hilfe.


Amen. 



Predigt Familienkirche 10. März 2024 von Jugenddiakon Lars Dierich


Wer bin ich für dich? Mk8, 28-38


„Du bist das Wertvollste, was ich habe!“ … „Du bist ein Schatz, auf dich kann ich mich immer verlassen!“


Welch Worte, die ans Herz gehen. Und vor allem dann, wenn sie von Herzen kommen. Ernst gemeinde Worte, die aus dem Innersten kommen und persönlich sind. Nicht nachgeplappert, weil man das so sagt. Nicht nachgeplappert, weil das alle sagen und man damit nichts falsch macht. Worte, die Beziehung ausmachen. Eine Beziehung, sie auf Ehrlichkeit aus ist und es ernst meint.


„Wer bin ich? Wer bin ich für dich?“ Das fragt Jesus seine Schüler, Freunde und Anhänger. Nicht, um Lobesworte zu bekommen oder sich schmeicheln zu lassen, sondern aus Neugier. Er möchte sich vergewissern, was ihnen die Beziehung zu ihm bedeutet und wie sie zu ihm stehen: Wen sie in ihm sehen, welche Perspektive sie haben…


Du bist einer der Propheten, gar du bist Elija oder sogar du bist der ersehnte Christus: Die Aussagen und Belobigungen können höher und wertiger gar nicht sein. Aber Jesus ficht das gar nicht an. Er könnte sich einen Keks freuen und ein Loch in den Bauch lachen, weil er seine Mission erreicht hätte. Das Geschwätz der Menschen interessiert Jesus nicht. Er weiß, wie schnell man einfach das nachplappert, was andere sagen. Er weiß darum, dass scheinheilig gerne Komplimente gemacht werden. Smarter Smalltalk kann ja nie schaden, ein bisschen Zucker um den Mund geschmiert erhält die Freundschaft. Aber das will Jesus gar nicht hören. Er will von seinen Freunden und Anhängern hören, wer er für SIE ist. Er möchte eine ehrliche Auskunft. Lieber etwas weniger aufgetragen, dafür ein Bekenntnis, das aus dem Herzen kommt.


Da hat er Petrus vor sich, der immer schnell dabei war, wenn es darum ging sich zu profilieren und zu prahlen. Petrus nahm immer gerne den Mund etwas zu voll. Meistens so voll, dass es einem Wunder gleich kommt, dass er überhaupt noch ein verständliches Wort raus bekommt. Und auch jetzt platzt er gleich mit dem ultimativen CHRISTUS, dem von Gott geschickten Retter raus.


Und prompt platzt Jesus der Kragen, er explodiert wie ein Geysier, wenn ein Stück Seife ins Wasser geworfen wird oder ein Vulkan. Jesus hat auf der Stelle Puls und fährt aus der Haut: „Weg mit dir, scher dich zum Teufel!“ brüllt er Petrus an.  Nicht, weil Petrus was falsches über ihn gesagt hätte und Jesus damit in falsches Licht gerückt hätte. Vielmehr weil Petrus etwas von Jesus behauptet zu kennen oder wissen, ohne eine blasse Ahnung zu haben. So erklärt Jesus seinen anderen, die dabei waren genau, was auf ihn zukommen wird,  einschließlich der Ankündigung des nahe bevorstehenden unfreiwilligen Todes. In dem Moment ist nichts mehr, wie wir es von Jesus erwarten, Jesus tickt richtig aus, ja er geht richtig steil und brüllt Petrus an: „Weg mit dir, scher dich zum Teufel!“ Wir müssen uns vorstellen, da brüllt der beste Freund dich an „Geh mir aus den Augen!“ ... Richtig heftig... Jesus verliert so richtig die Kontrolle. Warum??


Er sieht die Gedanken und Hoffnungen seiner besten Freunde, seiner Jünger. Sie haben ihn entweder noch gar nicht verstanden und plaudern einfach allgemeine Stimmung nach oder haben nur die Perspektive, dass Jesus gekommen ist, um in Gottes Namen die Römer aus dem Land zu scheuchen. Rein politische Aktion, religiös aufgeladen. Kennen wir aus heutigen Zeiten ...


Aber das ist nicht der  Grund für Jesus‘ Ausrasten. Er bemerkt, dass die frommen, gläubigen Freunde eine völlig falsche Perspektive haben. Jesus geht es um eine ganz andere Perspektive. Er möchte den Vertrauensbruch, der zwischen Mensch und Gott besteht und die Beziehung belastet, kitten, will die Beziehung wieder in Ordnung bringen. Das geht nur, wenn sie ehrlich zu ihm stehen und Klartext aus dem Herzen reden, sich nicht hinter der Meinung anderer verstecken.


58% der Deutschen glauben an Gott, kaum zu glauben. Über die Hälfte der Deutschen glaubt angeblich an Gott, sind wir hier die Hälfte von Gruiten? Die meisten sehen in Jesus einen besonderen Menschen, jemand, der das sittlich Gute vorgelebt hat und nach dem sich zu richten, das Gewissen beruhigt ... aber genau hier sind wir wieder an der Stelle von Petrus und Jesus, wo er so ausrastete.

(Petrus nannte Jesus noch seinen persönlichen Retter. Steile These. Wenn ich als DLRG-Rettungsschwimmer jemanden am Strand aus dem Wasser ziehe, werde ich zum Retter, vielleicht hat in wirklich schwerer Not schonmal jemanden den Rettungsdienst rufen müssen und hat einen Retter erlebt. Aber Jesus = Retter??)


Es geht hier um die PERSPEKTIVE. Es geht darum, dass Jesus eine persönliche Beziehung zu dir und mir pflegen will. Das ist wie bei einer besten Freundschaft, wo die oder der fragt: Wer bin ich für dich? Ein erstes Date. Sie oder er fragt dich: Was bin ich für dich? Du machst die besten Komplimente, aber im Herzen ist keine Vertrautheit da, kein Sch-hingezogen-fühlen. Aus der Beziehung wird nie was! ... Weil die Perspektive eine andere ist. Das Wichtigste ist nicht da. .. Es geht um die Beziehung im Herzen.


Was rate ich, um eine intensive Beziehung zu Gott zu pflegen?

1.) Laufend beten am Tag?

2.) Das Haus voll mit frommen Sprüchen dekorieren?

3.) BibelTV und Evangeliumsrundfunk als Dauerbesudelung?


Sicher nicht!! Sicher nicht!!!...

Bitte jetzt nicht falsch verstehen, sonst steht morgen in der Zeitung und RTL mit dem Ü-Wagen hier und titelt: die Kirche rät jetzt schon vom Beten und Bibellese ab. ;-)


Sicher nicht!! deshalb, weil es nichts über die Beziehung im Herzen aussagt. Ohne Herzensangelegenheit bleibt ein Gebet Wortgeklingel, eine Bibellese im besten Fall eine wohlklingende Rezitation ... es geht um die PERSPEKTIVE JESUS!


PERSPEKTIVE JESUS bedeutet Beziehungen in Ordnung zu bringen - die zu Gott und die zu meinen Mitmenschen.

PERSPEKTIVE JESUS heißt sich in politischen und gesellschaftlichen Fragen immer wieder zu Herzen zu nehmen: Was würde Jesus an meiner Stelle tun?! Wir sind in die Nachfolge gerufen, sind seine Nachfolger und Berufene, in Gottes Auftrag genau das Gleiche zu tun wie er.


PERSPEKTIVE JESUS gibt dir eine neue Identität.

PERSPEKTIVE JESUS ändert deine Perspektive auf deine Umwelt, auf Gott - und auf DICH!!!


Herzliche Einladung von Jesus persönlich an dich: Was denkst DU? Wer ist er für DICH? Ganz persönlich, ganz sinnstiftend, ganz liebend. Die kleinen Schritte sind entscheidend. Die kleinen Momente lassen Reich Gottes in unserem Umfeld erkennbar werden. Mit Ehrlichkeit im Herzen, Offenheit und Zugewandtheit werden die Menschen erkennen, dass Jesus in uns wohnt und wir als Christen mit ihm unterwegs sind.


AMEN




Predigt Okuli, 3. März 2024, Gruiten-Schöller, über 1 Petr 1,13-21 - von Pfarrer Kurt Erlemann


Liebe Schölleraner / Gruitener,


wissen Sie, was wir sind als Schölleraner / Gruitener Kirchengemeinde? Wir sind höchst privilegiert – nicht nur sozial und von der Bildung her, sondern wir sind von höchster Stelle, von Gott selbst, privilegiert, zu Höherem berufen. Ja, wir sind etwas ganz Besonderes – für Gott jedenfalls. Wir Menschen alle sind das Ziel all seiner Investitionen – von der Schöpfung angefangen bis hin zum Leben seines Sohnes. Wir als Christengemeinde, als Kirche, sind Gott sogar heilig, so drückt es der Predigttext aus. Heilig und besonders – das ist eigentlich dasselbe Wort. Heilig ist das, was vom Alltag abgesondert ist, was eine ganz besondere Qualität hat, was extrem wichtig ist, was unantastbar ist – wie etwa der heilige Sonntag oder die Familie oder das sprichwörtlich heilig´s Blechle, wie die Schwaben sagen. Viele Höfe außerhalb der Ortschaften heißen in unserer Region hier bis heute „Im Sondern“ oder ähnlich.


Wir sind Gott heilig, wir sind sein Augapfel, seine Lieblingsmenschen. Auf uns lässt er nichts kommen, für uns würde er alles tun. Er lässt uns nicht fallen, ja er verteidigt uns bis aufs Blut Christi am Kreuz von Golgatha. Wow – das hört sich schon ziemlich besonders, ziemlich speziell an, finden Sie nicht? Und da Gott so viel in uns investiert hat und immer weiter investiert, hat er natürlich auch seine Erwartungen – ganz besonders an uns als Christenmenschen und als Gemeinde von Schöller / Gruiten. 


Jesus drückt das so aus: Er nennt seine Jüngerinnen und Jünger in der Bergpredigt „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Diese Metaphern umschreiben unsere Berufung, unser Privileg: Wir sind das, was der Erde die Würze für ein schmackhaftes Leben verleiht, wird sind das, was der Welt Wärme und Orientierung gibt. Wie? Soll an unserem Wesen etwa die Welt genesen? Ja, sagt Jesus, und nicht nur das: Er sagt auch, dass das gelingen kann und wir tatsächlich der Gesellschaft etwas Wertvolles geben können, etwas Überlebenswichtiges sogar. Wir haben als Gottes Lieblingsmenschen, als Kirchengemeinde, das Zeug dazu, den Menschen Orientierung und Wärme, Würze und Lebensfreude zu geben. Denn all das haben wir schon empfangen, es ist die Grundausstattung getaufter Menschen sozusagen. Wir sind „Salz der Erde“, wir sind „Licht der Welt“, weil Gott uns dazu privilegiert, berufen hat. Ja, noch mehr: Wir haben das Potenzial, so vollkommen wie Gott selbst zu sein. Oder wie es der Predigttext aus dem Ersten Petrusbrief formuliert: So heilig zu sein wie Gott selbst! 


Das sind nun Aussagen, die sind schier unglaublich: Wir Menschen – vollkommen und heilig wie Gott selbst? Wir reiben uns verwundert die Augen. Denn – schauen Sie sich einmal in unserer Gemeinde und in unserer Kirche um: Wie viel ist davon erkennbar? Sind wir nicht Lichtjahre von dieser tollen Bestimmung entfernt? Was für ein Bild geben wir als Kirche nach außen ab, mit all den Skandalen und kleingeistiger Vereinsmeierei? Das Fatale ist ja: Am Anspruch, heilig und vollkommen zu sein, am Anspruch, ethisch-moralisch vorbildlich zu sein, wird die Kirche und mit ihr wir, die wir für sie stehen, gemessen. Die Kirche gilt bestenfalls als scheinheilig und als äußerst unvollkommen. An diesem Wesen wird die Welt sicher nicht genesen. Die Welt hat es längst erkannt und erwartet von den Kirchen nicht mehr allzu viel – außer, dass sie endlich anfangen möge, all die Missstände aufzuarbeiten. Würze, Trost, Wärme und Orientierung suchen die meisten heute woanders. Und was mit Salz passiert, wenn es nicht mehr würzt, sagt die Bergpredigt ebenso unverhohlen: Man wirft es weg, und das war´s. Und ein Orientierungslicht ist ohne Sinn, wenn man es nicht leuchten lässt. 


Liebe Schölleraner / Gruitener Gemeinde, diese Bestandsaufnahme ist äußerst ernüchternd. Und wir müssen uns nicht wundern, wenn zigtausende Menschen Jahr für Jahr der Kirche den Rücken kehren und wir uns über Kirchenschließungen und Pfarrstellenabbau unterhalten müssen. Die Denkrichtung ist für mich jedoch nicht in erster Linie, welchen Laden wir als Nächstes dichtmachen sollten. Ich frage vielmehr positiv: Welches Potenzial schlummert trotz allem in unseren Gemeinden? In jeder und jedem von uns? Ich bin überzeugt: Wir können dieses Potenzial nicht hoch genug einschätzen, denn es ist uns von höchster Stelle geschenkt. Gott investiert so ziemlich alles, was wir uns vorstellen können, damit durch uns wieder Hoffnung und Zuversicht, Nächstenliebe und Versöhnung, Respekt und Toleranz in die Welt einziehen. Gerade heute warten die Menschen auf uns – sie sehnen sich nach positiven, tröstlichen Impulsen, nach guter Botschaft in all diesen Krisen. Die entscheidende Frage ist: Wie können wir das Potenzial, das Jesus seiner Gemeinde zuschreibt, wieder zum Tragen bringen, es sichtbar machen? Die simple Antwort lautet: Als reich von Gottes Gnade Beschenkte können wir jede Menge Lebenselixier austeilen und weitergeben; das haben wir gerade gesungen und durchbuchstabiert. Wenn wir es tun, dann ist uns die Hochschätzung der Öffentlichkeit sicher. Dann wird der Glaube wieder glaub-würdig erscheinen und unsere Kirche wieder Zulauf erhalten, davon bin ich überzeugt. 


Wie war das noch mit Margot Käßmann? Sie hat ein Zeichen gesetzt für die Art und Weise, wie Christinnen und Christen mit Fehlern umgehen können; damit ist sie ihrer Vorbildfunktion gerecht geworden und hat damit Menschen ein Stück weit den Glauben an die Kirche zurückgegeben. Wie war das noch mit Papst Franziskus, als er sein Amt antrat? Er wusch den Gefangenen Roms die Füße und verzichtete auf seinen vatikanischen Palazzo – Symbole der Demut, Zeichen, die ebenfalls aufhorchen ließen und Hoffnung machten. Und wie war das mit all den Hoffnungsträgern früherer Zeiten – mit Dietrich Bonhoeffer, Mutter Theresa, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und mit all den Unbekannten, die für ihren Glauben einstanden, ihr Leben hingaben und damit Zeichen setzten? Wie war das mit Jesus von Nazareth, der dem Kreuz auf Golgatha nicht auswich und uns damit eine bleibende Hoffnung auf die Überwindung von Leiden, Schuld und Tod schenkte? 


Sie alle sind Leuchttürme unseres Glaubens, Orientierungsmarken für Menschen aller Religionen, dass es auch anders laufen kann als normal, wo Geld die Welt regiert, wo Korruption und Despotismus herrschen, wo man sich gegenseitig in den sozialen Medien anfeindet und fertigmacht, wo billige Parolen und scheinbar einfache Lösungen für die komplexen Themen unserer Zeit propagiert werden – kurz: Wo man den Glauben an das Gute, an Liebe und Versöhnung, an Frieden und Gerechtigkeit verlieren kann.


Liebe Schölleraner / Gruitener, wir müssen keine Käßmanns, Gandhis, Franziskusse oder Bonhoeffers werden. Für Gott sind wir Lieblingsmenschen, so wie wir sind – ohne Ansehen der Person, wie unser Predigttext betont. Er steckt sein unerschütterliches Vertrauen und seine schier unendliche Geduld in uns. Er verschwendet seine Liebe an uns und freut sich einen Keks, wenn wir das erkennen und reichlich davon weitergeben – mit kleinen Gesten der Liebe und Zuwendung, mit dem Willen, zwischenmenschliche Gräben (auch zwischen zwei Gemeindeteilen) zu überwinden, mit dem Mut, zum Glauben zu stehen und mit der Energie, den Laden Kirche vorwärts zu bringen – ausgestattet mit der reichen Liebe Gottes, befreit von unseren Altlasten durch das Geschenk der Vergebung. Als seine Lieblingsmenschen sind Gott heilig, auch wenn wir unvollkommen sind. Wir sind für ihn „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Wir haben unendlich viel Gutes und Wichtiges zu geben. Das ist unsere Berufung, das ist unser Privileg! Lassen Sie es uns gemeinsam umsetzen.


Amen.


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